Was heißt da „politisch“?

Das Stuttgarter Festival Éclat 2016 spürt den aktuellen Stimmung nach

Die Frage, ob ihre kurze Komposition für sieben Instrumente wohl politische Musik sei, würde die Ukrainerin Anna Korsun wohl verneinen. Im Programmheft schreibt sie nur den einen Satz: Es handle sich um ein abstraktes poetisches Bild, das die Zuhörer zu einem kleinen Klangabenteuer einlade. Was man dann hört, ist ein langes, leises Grollen der tiefen Instrumente und der Pauke, angereichert mit kleinen spitzen Geräuschen, bis sich nach einiger Zeit der Klang plötzlich in die Höhe schraubt, wo er in schmerzhafter Schärfe verharrt und dann langsam zerbröselt. Keine Botschaft, kein Zeigefinger, nur ein einfaches, kommentarlos in den Raum gestelltes Klangzeichen. Und doch spricht diese Musik beredt von latenter Bedrohung und Erschütterung, und der alte Durch-Nacht-zum-Licht-Topos wird durch die Kraft des Aufwärtssogs und die gleißende Helligkeit zum vieldeutigen Symbol, zum Ausdruck von Furcht und Hoffnung zugleich.

Der Drang zu Aussagen, in denen sich im weitesten Sinn politische Lebenswirklichkeiten spiegeln, zeigte sich im reichhaltigen Programm Éclat 2016 diesmal überraschend häufig und in vielfältiger Form. Im Werk der jungen Ukrainerin, das nun durch das Ensemble Ascolta seine passgenaue Uraufführung erlebte, artikuliert sich ästhetische Wirklichkeitserfahrung in einer Weise, die für die skeptische, in den postkommunistischen Trümmerfeldern aufgewachsene Künstlergeneration Mittel- und Osteuropas wohl charakteristisch ist: politische Kunst nicht als theoretisches Konstrukt oder explizite Kritik äußerer Verhältnisse, sondern als Ausdruck einer existenziell empfundenen Gefährdung. Im Westen hingegen gilt musikalisch noch immer das hoffnungsfrohe Modell der Aufklärung mittels Belehrung oder Provokation. Der in Schweden lebende Komponist und politische Aktivist Dror Feiler betreibt zum Beispiel in seinem Ensemblestück tönende Propaganda in eigener Sache. Unter virtuoser Verdrängung einer Hälfte der Wirklichkeit hämmert er dem Publikum mit mächtigem Getöse sein Narrativ vom Opferstatus der unschuldigen Palästinenser und ihrer Unterstützer in die Köpfe.

Diskursiv geht dagegen der französische Komponist und Multimediakünstler François Sarhan vor. Er verknüpft Auszüge aus de Sades „Philosophie dans le Boudoir“ und den Akten des Stammheimer Meinhof-Prozesses mit Gesprächsfloskeln aus einer fiktiven Firmenvorstandssitzung. Gemeinsamer Nenner der drei Erzählstränge ist die Unterdrückungsstruktur, das Opfer ist diesmal die Frau. Die Szene kitzelt aus den exzellenten Stuttgarter Neuen Vocalsolisten einmal mehr die Schauspieler heraus. Sie singen und sprechen nur mit Phonemen und bringen so die Textinhalte mit rein musikalischen und gestischen Mitteln zur Darstellung. Ihre niederträchtigen Dispute ohne Worte finden an einem großen Sitzungstisch statt, die drei Textebenen werden auf eine Pappskulptur über ihren Köpfen projiziert. Für das Publikum, das in drei Sektoren rund um die Szene herum platziert ist, ist jeweils nur eine der drei Textprojektionen sichtbar. Die anderen beiden Bedeutungsebenen kann der Zuschauer nur erahnen. So entgeht ihm zwar die frivole Parallelsetzung von kalten Richtersprüchen und firmeninterner Strategiediskussion mit pornografischer Bestialität, doch lenkt das nicht vom Problem der künstlerischen Gewaltdarstellung ab, das sich hier artikuliert. Das bloße Zitieren der Grausamkeiten de Sades ist noch kein Protest, sondern zunächst nur die Verdoppelung dessen, was die einschlägigen Kanäle heute im Internet auch visuell bieten, und die konsonanten Madrigalklänge am Schluss der Gewaltorgie sind infiziert von den verlogenen Gesten der Darsteller. Im projizierten Text ist viel von heuchlerischen Werten die Rede, doch die Werte, auf denen das politisch intendierte Stück beruht, bleiben verschwommen.

Die Sehnsucht nach einer neuen Radikalität, die das Éclat-Programm wie ein heimliches Motto durchzog, ist in der heutigen Musikszene überall spürbar, doch bleibt sie merkwürdig diffus. In der Postmoderne sind die Ziele des Protests so zahlreich wie die musikalischen Stile. „Äußern sich die Musiker zu IS, Pegida, Klimawandel?“ fragt Dietrich Eichmann im Stuttgarter Programmheft mit provokativem Unterton und gibt die Antwort gleich selbst: Obwohl es eigentlich gut wäre, sollten sie es sich besser verkneifen. Ja, was denn nun? Eichmanns Text, unschlüssig zwischen den Positionen schwankend wie sein Ensemblestück mit dem beziehungsreichen Titel „Offener Vollzug“, ist charakteristisch für die Ratlosigkeit einer unzufriedenen Komponistengeneration, die an den Bedingungen eines übersättigten Marktes ebenso leidet wie am System als Ganzes.

Das prosperierende Stuttgarter Festival erfasst solche Stimmungslagen mit feinen Antennen und kann dabei mit vollen Sälen rechnen, umso mehr als das Angebot thematisch breit gefächert ist. Die Produktionen mit szenisch agierenden Instrumentalisten und Sängern sind schon zur Tradition geworden. Von Manos Tsangaris, dem neuen Ko-Direktor der Münchener Musiktheaterbiennale, war ein Musterbeispiel zu sehen für das, was er sich unter Musiktheater vorstellt. Im verdunkelten Saal verstreut produzieren einzelne Musiker kleine Klang- und Geräuschfragmente, wobei sie auf scheinbar spontane Weise auch die Zuhörer ansprechen, die zwanglos zwischen ihnen umherwandern und auf Armlänge an sie heranrücken. Die Aufmerksamkeit gilt dem pittoresken Detail. Das ist zwar anekdotisch, aber nicht ohne Charme.

Zu einem musikalischen Höhepunkt des Festivals geriet wie jedes Jahr das Konzert des SWR Vokalensembles Stuttgart. Zwei Chorsätze von Beat Furrer stachen hier besonders hervor, mit atemberaubend reinem Schönklang der eine, mit ausgefuchsten Bewegungen der Chormassen im Klangraum der andere. Einen Gegenpol von der Besetzung her, nicht aber in der Strahlkraft, bildete eine Veranstaltungsschiene mit Solodarbietungen. Der britisch-marokkanische Performer Brahim Kerkour schuf mit einer konzentrierten, kräftezehrenden Körperaktion in einem Magnetfeld einen mächtigen Geräuschklang, der den dunklen Raum unter energetische Hochspannung setzte. Der junge Kontrabassvirtuose Dario Calderone erkundete in einem halbstündigen Solostück von Giorgio Netti das reiche Obertonspektrum seines Instruments, und der französische Bratschenvirtuose Christophe Desjardins versetzte mit der unerhört farbigen und detailscharf gearbeiteten Komposition „Tombeau & Double“ von Alberto Posadas das Publikum in Begeisterung. Kompositorische und interpretatorische Handwerkskunst vom Feinsten. So lange es die gibt, braucht man sich um die Zukunft der Musik keine Sorgen zu machen.

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