Vom Wert der Arbeit

Kennen Sie den? Ruft der Staatsopernintendant bei Jonas Kaufmann an und sagt: „Wir laden Sie ein, bei unserer Carmen-Premiere in zwei Monaten den Don José zu singen. Das Ganze kommt auch live im Fernsehen. Aber leider können wir außer Reise und Unterkunft nichts bezahlen.“ Antwort Kaufmann: „Aber gerne! Darauf habe ich schon lange gewartet!“ Das ist natürlich ein schlechter Witz, und er bringt vermutlich auch keinen zum Lachen, denn das Ganze klingt völlig unrealistisch. Aber so etwas gibt es, wenn auch ganz woanders. Und da vergeht einem das Lachen endgültig.

Neulich rief mich nämlich eine Dame aus einer honorigen, mit deutschen Forschungsgeldern finanzierten Institution in einer europäischen Hauptstadt an – Namen und Ort seien hier verschwiegen, weil die Dame wirklich nett zu mir war – und lud mich zu einem wissenschaftlichen Symposium ein, das sich mit dem Werk eines bekannten Komponisten beschäftigen sollte. Das Angebot klang verlockend. Man wünschte sich von mir ein halbstündiges Referat, vorzugsweise in der Landessprache, samt einer abschließenden Zusammenfassung der Positionen aus den vorangegangenen Beiträgen. Reisespesen und zwei Übernachtungen inklusive. Das Honorar? Selbstverständlich keins. Auch die anschließende Buchveröffentlichung wäre natürlich gratis. Welch eine Ehre, im Kreise erlauchter Geisteswissenschaftler auftreten zu dürfen! Ich erbat mir zwei Tage Bedenkzeit und musste dann aus prinzipiellen Gründen leider absagen – Pech für beide Seiten.

Bei solchen Veranstaltungen kann man natürlich nicht groß abkassieren, man ist schließlich nicht Jonas Kaufmann oder Thomas Gottschalk, und ein Symposium hat null Einschaltquote. Mit zweihundert Euro wäre ich zufrieden gewesen – nicht als Reallohn für einen mehrtägigen Arbeits- und Reiseaufwand, sondern als symbolische Anerkennung für meine Arbeit überhaupt. Aber das Budget des Symposiums, das übrigens von einer potenten deutschen Stiftung unterstützt wurde, gab das nicht her.

Das könnte sogar stimmen, denn, wie die nette Dame am Telefon beteuerte, es gibt bei ihr gar keinen Budgetposten für Honorare. Und nun wird es interessant. In unserem ebenso länglichen wie friedlichen Gespräch kamen wir nämlich zur Erkenntnis, dass hier nicht nur zwei verschiedene Disziplinen – Publizistik und Wissenschaft – aufeinanderstießen, sondern auch zwei verschiedene Systeme, eine Arbeitsleistung zu bewerten.

Da gibt es einerseits den freiberuflichen Autor mit seiner ganz banalen Vorstellung, dass er für seinen Text eine bestimmte Geldsumme erhält (das Wort „angemessen“ wäre angesichts der Realitäten fehl am Platz). Andererseits gibt es die Akademiker, die als staatliche besoldete Geistesarbeiter ihre dreizehn Monatssaläre auf dem Konto vorfinden. Sie betrachten die Teilnahme an einem internationalen Symposium als Sahnehäubchen auf ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Endlich mal raus aus dem öden Universitätsalltag! Im kleinen Kreis Neuigkeiten erfahren, Leute kennenlernen, das Netzwerk ausbauen! Die Wissenschaftler erhalten ihr Referentenhonorar als indirekte Sachleistung: Jede Kongressteilnahme, jede Veröffentlichung ist ein kleiner Baustein für ihre weitere akademische Karriere und wird als Trophäe in das Curriculum Vitae eingefügt. Nicht zu vergessen die angenehmen Zugaben: das Flair der fremden Stadt, die netten Frühstücksgespräche, die Freude, bald einmal den Kongressbericht mit dem eigenen Beitrag in Händen zu halten. Und ganz nebenbei: Ihr Angestelltenlohn läuft während des Symposiums weiter.

Das sei alles neidlos zugestanden. Doch für den publizistischen Freiberufler sieht es ein wenig anders aus. Wissenschaftliche Netzwerke sind für ihn nur bedingt von Nutzen, Veröffentlichungen sein täglich Brot, und mit seinem CV muss er keine akademische Behörde beeindrucken. Es geht ihm in so einem Fall um etwas anderes, nämlich um die Berufsehre. Da er reagiert nicht anders als ein Musiker oder ein Literat, der aufgefordert wird, doch rasch herzukommen und die gut dotierte Veranstaltung mit seinem Beitrag noch etwas zu verschönern. Ohne Honorar selbstverständlich, denn man will ihm doch eine Chance geben. Wertschätzung sieht anders aus. Und das eingesparte Geld wird dann für wichtigere Dinge ausgegeben.

Max Nyffeler

November 2015

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