Vokalwerke von Cecilie Ore

Cecilia Ore Come to the EdgeDie CD von Cecilie Ore beginnt vielversprechend: Die Aufforderung „Come to the Edge“ – es ist zugleich der Titel des ersten Stücks – wird eindringlich und variantenreich, aber nie aufdringlich wiederholt. Die weichen Dissonanzen des homophonen, harmonisch raffinierten Chorsatzes verleihen der Aussage subversive Kraft, der vokale Gestus erinnert an das italienische Madrigal und noch mehr an die disziplinierte Sprechchorpraxis der 1920er Jahre. Der „Rand“ ist die Grenze, wo das individuelle politische Engagement zur existenziellen Gefährdung wird, und der Imperativ ist klar: Weicht nicht zurück vor der Macht!

Konkret geht es um die feministische Gruppe Pussy Riot, deren Mitglieder 2012 wegen ihrer umstrittenen Aktion in einer Moskauer Kirche zu Haftstrafen verurteilt wurden. Freies Wort, freie Kunst gegen das politische System. Mit einer Zitatenmontage von der Mystikerin Katharina von Siena bis zu den Pussies wird diese Solidaritätsbekundung intelligent untermauert und kompositorisch zu messerscharfen Strukturen geformt. Die Nordic Voices brillieren dabei mit deklamatorischer Präzision.

In „Who do you think you are?“ wird die Empörung über eine Orgie ordinärer antifeministischer Beschimpfungen und Bedrohungen als schmucklose Sprechkomposition vorgetragen – eine Radikalästhetik, die angesichts der existenziellen Bedrohung einleuchtet. In der folgenden „Vatican Trilogy“ werden allerlei Bizarrerien aus der an Absonderlichkeiten reichen Geschichte des Papsttums von Cecilie Ore akribisch ausgebreitet. Hier begegnet man wieder dem kompakten Chorklang des Beginns, und nun macht sich auf Dauer doch das begrenzte Ausdrucksspektrum des ansonsten technisch geschliffenen Chorsatzes bemerkbar. Die suggestiven, vermutlich anklägerisch gemeinten Wiederholungen wirken auf Dauer leicht zeigefingerhaft und machen aus dem Blick in die vatikanische Mottenkiste eine etwas längliche Erzählung. Ein kritischer Leckerbissen, die pikante Story von der päpstlichen Genitalschau, wird nur auf vegane Art zubereitet. Der satirische Tonfall, der manchmal leise aufblitzt, hätte ruhig krasser ausfallen dürfen. (Aurora)

Printversion: Zeitschrift MusikTexte 165/2020

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