U wie unten

Es gab einmal eine Zeit, da wurde eifrig über „U“ und „E“ diskutiert. Zwei unvereinbare Sphären, Ausdruck einer kulturell gespaltenen Gesellschaft, sagte Adorno, und sprach von Kulturindustrie. Später kamen die Grenzüberschreitungen, der Crossover, die Ethno-Einflüsse und Medienexperimente; „E“ franste aus und öffnete sich partiell dem rebellischen „U“. Heute ist man tolerant und respektiert die Hörbedürfnisse der anderen, und manche hören sowohl Klassik als auch Pop. Doch noch immer ist „E“ eine Angelegenheit der Wenigen und „U“ eine Angelegenheit der Vielen.

Inzwischen hat sich etwas geändert – nicht an den Marktanteilen, sondern an der gesellschaftlichen Stellung. Gemäß der Klassentheorie von 1968 war Klassik die verpönte Musik der Herrschenden und Rock die Musik der Underdogs mit revolutionärem Anstrich. Heute befindet sich die Klassik auf dem Rückzug und muss sich laufend neu legitimieren, während Rock und Pop zum Maß aller Dinge geworden sind. Wenn in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien, Schulen und Freizeiteinrichtungen von „Musik“ die Rede ist, dann geht es selbstredend in erster Linie um Madonna, Adele, Justin Bieber und wie sie alle heißen, sowie um ihre Stammväter, die Beatles und Stones. Aber nicht um Beethoven oder Stockhausen.

Die herrschende Kultur ist heute Pop. Die Klassik fristet ein geduldetes Dasein in den etwas feineren Nischen. Was Oskar Negt einst über die Oper sagte, sie sei das „Kraftwerk der Gefühle“, gilt im Medienzeitalter für die industriell gefertigte Popmusik. Ihre Energieströme halten die Massen in Bewegung, sie durchdringt den Alltag des Durchschnittsmenschen, stillt seine hedonistischen Bedürfnisse und sorgt bei Bedarf auch für religiös angehauchte Romantik. Sie gilt als Gradmesser einer freiheitlichen Gesellschaft, wenn nicht sogar als beispielhafte Verkörperung westlicher Werte.

Aus dem Blickfeld gerät dabei, dass es sich nicht um eine Kultur des Subjekts handelt, sondern um eine Konsumentenkultur, deren Idole von einer Handvoll Medienmultis geschaffen und vermarktet werden. Die seit Woodstock immer wieder bemühte Metapher von der musikalischen Revolte ist längst verbraucht. Pop ist heute die Mehrheitsästhetik der Wohlfühlgesellschaft und hat systemstabilisierenden Charakter. Ihre Anhänger, die Erben von 1968, haben sich darin bequem eingerichtet.

Daher verwundert es nicht, dass die Terroristen von Paris nicht die neu erbaute Philharmonie als abendländischen Traditionstempel ins Visier genommen haben, sondern die Vergnügungsorte im 11. Arrondissement, wo sich die hedonistische urbane Linke trifft. Sie waren intelligent genug um zu merken, dass diese Kultur für die westliche Lebensart heute einen höheren Symbolwert besitzt als Mozart und Debussy. Mit den vielen friedlichen Partygängern trafen sie zugleich die verhasste westliche Kulturindustrie, die ihnen tagtäglich via Medien den verbotenen Speck des ungehemmten Lebensgenusses durchs Maul zieht.

Bei allem „Jetzt erst recht!“, das nach den Morden von Paris zu hören ist, sollte nicht übersehen werden, dass diese Kultur, die nun von allen, nicht nur vom Poppublikum, leidenschaftlich verteidigt wird, den gerne beschworenen oppositionellen Charakter längst verloren hat. Die neue kulturelle Revolte – das „U“ steht hier nicht mehr für „unterhaltend“ sondern für „unten“ – findet heute woanders statt: in jenen kaputten Vorstädten, in die sich das urbane Ausgehpublikum nicht verirrt, und deren Bewohner ihrerseits keinen Zugang zu den hippen Vergnügungsstätten des Zentrums finden. Sie sind die neuen Underdogs, und ihr virtuelles Woodstock ist das Internet, wo sie ihre überschüssigen Energien durch Gucken von Hassvideos abreagieren können.

Auch hier nur Konsum, aber nun nach dem Motto „Gewalt macht frei“: ein pervertierter Freiheitstrieb, der alles zerstören will, was ihm nicht entspricht. Dass dazu auch die Popkultur der „Ungläubigen“ gehört, ist aus der Sicht der Fanatiker nur logisch, aber gerechnet hat damit kaum jemand. Nach dem 13. November sind wir nun etwas klüger geworden.

Max Nyffeler

Dezember 2015
Diese Kolumne ist auch in der NMZ 12/2015-1/2016 erschienen.

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