To Apple, With Love

Dass Apple-Gründer Steve Jobs ein genialer Unternehmer mit einer feinen Nase für den gesellschaftlichen Nutzen neuer Technologien war, bewies er noch 2010, ein Jahr vor seinem Tod, mit dem iPad. Damals fragten sich alle, wozu man denn diesen Zwitter, ein Laptop ohne Tastatur, denn brauche. Heute ist er aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Er dient als Zeitungslesegerät, als Steuermodul in der Werkshalle, als Noten-Display, das man auf den Notenständer stellt. Ein Verlag bietet neuerdings seine Taschenpartituren auf dem Gerät an, mit zugehörigem Ton und Notizfunktion.

Drei Jahre älter als das iPad ist das iPhone, und noch älter sind iPod und die Software iTunes. Letztere war der Treibsatz für den rasend schnell ansteigenden Verkauf der i-Geräte, denn sie bot Musik zum akzeptablen Einheitspreis von 99 Cent an. Damit öffnete Jobs im digitalen Musikmarkt die Kommunikationskanäle, die wegen der Piraterie jahrelang verstopft waren. Andere machten es ihm nach, und heute sind die Menschen rund um den Erdball süchtig nach „mobile music“.

Auf Download ist mittlerweile Streaming gefolgt. Lange schien es, als habe Apple diesen Zug verpasst. Doch weit gefehlt. Der Konzern hat bloss abgewartet, bis der Zug in Fahrt kommt, um sich dann als Lokführer zu installieren. Am 30. Juni ist Apple Music, so heißt der neue Streaming-Dienst, international gestartet, und nun zittert die Konkurrenz. Spotify, einer der bisherigen Marktführer, steckt trotz 60 Millionen Nutzern noch immer in den roten Zahlen. Wie die meisten Streamingdienste hat man dort Wachstum vor Ertrag gestellt. Nun fährt Apple mit seinen 800 Millionen Nutzerdaten vom Downloadportal iTunes dazwischen und eröffnet zudem noch einen Internetsender, der weiteres Publikum heranschaufelt. Die 10 Dollar Nutzungsgebühr pro Monat halten sich im üblichen Rahmen, und indem „bis zu 73 Prozent“ der Einnahmen an die Rechteinhaber weitergeleitet werden (Angaben über die Staffelung wären interessant), sind auch diese einigermaßen gut bedient. Bei der Konkurrenz sind 70 Prozent üblich. Und Apple bietet auch weiterhin Musik zum Download an, was für die Rechteinhaber einträglicher ist als Streaming.

Das klingt alles wunderbar, und alle scheinen auf ihre Rechnung zu kommen: die Nutzer, die Künstler und die Produzenten. Und natürlich Apple selbst. Aber der Start verlief mit Misstönen. Ein Knackpunkt war das großzügige Lockangebot, dass die ersten drei Monate gratis seien, denn das sollte auf Kosten der Rechteinhaber gehen. Sie sollen ihre Ware gratis liefern. Dank seiner Marktmacht dachte Apple, es könne solche Deals einfach diktieren. Während die drei Multis Universal, Sony und Warner über ein hinreichendes Kapitalpolster verfügen, wäre das für viele Kleinere bereits an die Substanz gegangen. Der britische Branchenverband UK Music warnte deshalb sogleich vor gravierenden Folgen, und der deutsche Verband unabhängiger Musikunternehmen VUT, Zusammenschluss der Independents in Deutschland, schrieb in einem offenen Brief an die Apple-Bosse Klartext: Ihr Verhalten lasse vermuten, dass sie den unabhängigen Künstlern und ihren Produzenten wenig Respekt entgegenbrächten und ihre Existenzbasis gefährdeten. Gedroht wurde mit Boykott, was angesichts der 35 Prozent Marktanteil der Independents in Deutschland nicht ganz ohne ist.

Ob diese Proteste genützt hätten, weiß man nicht. Entscheidend war letztlich ein einziger Tweet, abgeschickt von der neuen Diva des Popgeschäfts, Taylor Swift. Er verwies auf einen offenen Brief, überschrieben mit „To Apple, Love Taylor“, in dem sie ins gleiche Horn blies wie die vielen Kleinen. Die Vertragsbedingungen seien „schockierend und enttäuschend“. Und Apple knickte ein. So geht das im Geschäftsleben der Großen. Ein selbstherrlicher Gigant kann nur durch eine hochgerüstete Amazone zur Räson gebracht werden. Sie hat eine Armee von sechzig Millionen Twitter-Followern hinter sich.

Bei dem Ausrutscher bleibt es jedoch nicht. Unmut erregte auch die Nachricht, Apple habe angeblich die Industrie aufgefordert, den bisher tätigen Streamingdiensten ihre werbefinanzierte Gratisangebote zu verbieten. Und auch über die Technik wurde gemurrt. Zwar sollen auf Apples Servern Musikdateien in hoher Auflösung lagern – die Rede ist vom PCM-Standard mit 24 Bit und 192 kHz –, doch angeboten werden weiterhin bloß stark komprimierte Versionen. Das bewegt sich weit unter den Möglichkeiten des heutigen Breitband-Internets. Bessere Klangqualität gibt es wohl erst in der Zukunft – dann natürlich gegen Aufpreis.

Apple stand jahrzehntelang für technischen Erfindergeist, gepaart mit genialem Marketing und Bedienungsfreundlichkeit der Produkte. Doch nun scheint das permanente Wachstum Arroganz zu erzeugen. Der Rohrkrepierer mit dem Gratisangebot auf Kosten anderer sollte der Firma eine Lehre sein. Nichts vergeht schneller als der Ruhmesglanz in der digitalen Welt.

Max Nyffeler

Juli 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.