Tanzfilm: Pas de deux mit Hutständer

Der Tanzfilm als Teil der Tanzgeschichte. Eine Dokumentation von Reiner E. Moritz

Der Tanz ist die einzige traditionelle Kunstform, die sich medial nur im Film wiedergeben lässt. Seine Eignung fürs bewegte Bild erkannten schon die Brüder Lumière, als sie 1896 mit „Serpentine Dance“ von Loïe Fuller den ersten Tanzfilm der Geschichte machten, eine Bewegungs- und Lichtstudie, bei der die Tänzerin mit langen Tüchern abstrakte Figuren in den Raum zeichnet. Doch erst nach 1918 wurde der Tanz ausgiebig dokumentiert. Für die Frühgeschichte des modernen Tanzes ist das ein enormer Verlust. So gibt es von Diaghilevs Ballets russes überhaupt keine Aufnahmen. Nijinskis Choreografie des „Sacre“ von 1913 ist visuell einzig durch ein paar Bilder und Zeichnungen dokumentiert, was auch jeden Versuch einer Rekonstruktion in das Reich der Spekulation verweist.

Wie unentbehrlich die Videoaufzeichnung für den modernen Tanz geworden ist, zeigt die Dokumentation A History of Dance on Screen von Reiner E. Moritz anhand seltener, von Koryphäen des Fachs kommentierter Aufnahmen aus den internationalen Film- und Fernseharchiven.

Seine dienende Rolle als reines Dokumentationsmedium hat der Tanzfilm längst abgelegt. Heute sind Tanz und Film gleichberechtigte künstlerische Medien, Choreograf und Videoregisseur entwickeln ihre Konzepte gemeinsam.

Getanzt wird für die Kamera, nicht für die Bühne, sagt der englische Ballettkritiker Bob Lockyer. Das trifft nicht nur auf die in abstrakten Innenräumen angesiedelten Choreografien von Merce Cunningham oder Kjersti Alveberg zu, sondern auch dort, wo der Tanz sich in den Alltag hinausbegibt wie im verallgemeinernd „Street Dance“ genannten Genre, wo professionelle Tänzer und Choreografen mit Angehörigen gesellschaftlicher Randgruppen zusammenarbeiten. Für diese – genau so wie für die Behinderten im phänomenalen Rollstuhlballett „Outside In“ von Victoria Marks – bedeutet Tanzen zugleich Darstellung ihrer Außenseiteridentität

Tanzperformance und Film verschmelzen zum multimedialen Kunstwerk und bilden aktive Bestandteile einer sozialen Interaktion. In neueren Filmen wie Christopher Wheeldons „Alice“ geschieht die mediale Synthese auch auf technischer Ebene, indem die Postproduktion getanzte Wirklichkeit in Virtual Reality übergehen lässt.

Über die Darstellung aktueller künstlerischen Prozesse hinaus gewährt die Dokumentation einen instruktiven Einblick in die Geschichte des Tanzes vom frühen 20. Jahrhundert bis zum Broadway. Von starker Wirkung sind die Beispiele ikonenhafter Weiblichkeit: Isidora Duncans Schmetterlingsleichtigkeit, der expressionistische Hexentanz von Mary Wigman, Martha Grahams karge Choreografie für Aron Coplands „Appalachian Spring“, die zeitlose Schönheit des Solos von Anna Pawlowa als „Sterbender Schwan“. Das Kontrastprogramm liefert Fred Astaire im Tanz mit dem Hutständer aus „Royal Wedding“. Das ist zwar unerotisch, aber technisch brillant und witzig gemacht.

Max Nyffeler

A History of Dance on Screen. Arthaus 101690 (1 DVD)

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