Notizen zum Nischenbetrieb

Wenn die Neue Musik mit großem N die Ehre hat, vom Chefreporter der Wirtschaftswoche zum Thema einer längeren Betrachtung gemacht zu werden, so kann man nicht erwarten, dass darin von der ästhetischen Relevanz des Rührbesens die Rede ist. Dem Autor Dieter Schnaas geht es, wie es sich für ein Wirtschaftsblatt gehört, in erster Linie um die ökonomischen Voraussetzungen, und schon der Titel macht klar, was das Ganze für ihn darstellt: ein „mit Steuern gepäppelter Nischenbetrieb“. Das kratzt natürlich massiv am Image einer Gemeinschaft, die nach eigener Überzeugung energisch für eine Veränderung der Verhältnisse hin zum Besseren kämpft. Aber der schonungslose Blick von außen hat auch etwas Ernüchterndes. Er zwingt dazu, die eigene Situation ohne branchentypische Scheuklappen zu betrachten.

Wo alle Welt über die Einkommensverhältnisse eines Herrn Middelhoff diskutiert, darf man auch nach denen einer Komponistin fragen, sagt sich der Chefreporter, und liefert am Beispiel von Rebecca Saunders, die er im „oberen Mittelfeld“ einordnet, einige Zahlen: Ungefähr 40.000 Euro für ein Bühnenwerk, 25.000 für ein Orchesterstück, 15.000 für Kammermusik, bis zu 5.000 für ein Solostück. Falls die Zahlen stimmen, lässt sich also mit zwei bis drei Auftragswerken pro Jahr im „oberen Mittelfeld“ gut leben, und wenn man nebenher noch unterrichtet, kommt einiges zusammen. Man ist im Inner Circle des Nischenbetriebs angekommen. Doch die große Masse der Komponisten, die heute darin unterwegs sind, kann davon nur träumen. So viele Aufträge gibt es gar nicht, und auch die hier erwähnte Siemens Musikstiftung kann nicht unbegrenzt Geld verteilen.

Ein Paradox: Nach Informationen des Deutschen Musikinformationszentrums, auf die sich der Autor beruft, gibt es 37 Stiftungen, 74 Auszeichnungen, 80 Festspiele und 97 Wettbewerbe, die in Deutschland die Neue Musik fördern. Und doch gibt es das verbreitete Gefühl, dass irgendwas nicht stimme. Es ist sicher nicht nur eine Frage der fehlenden Kasseneinnahmen. Liegt es etwa an der viel beklagten Publikumsferne? Diesen neuralgischen Punkt nimmt der Autor denn auch besonders ins Visier. Im Vergleich zu Film oder Literatur, schreibt er, habe die „Neue Musik“ keinerlei Relevanz, ihr Widerspruchsgeist, mit dem sie sich früher legitimiert habe, sei längst erlahmt. Es handle sich nur noch um eine blühende Nischenkultur, die von Mäzenaten-, Steuer- und Gebührenmillionen gepäppelt werde und in der „ein paar Tausend Komponisten, Musiker und Zuhörer glücklich damit beschäftigt sind, ständig auf sich selbst zu verweisen, ohne dass der durchschnittliche Zeitungsleser daran Anstoß nähme. Wie auch? Er nimmt ja nicht einmal Notiz davon“.

Das ist nun, wie alle Verallgemeinerungen, ebenso richtig wie falsch. Erstens kann der Zeitungsleser auch deswegen nicht Notiz davon nehmen, weil die krisengeschüttelten Zeitungen die entsprechenden Beiträge radikal reduziert haben; die Weigerung etwa der Süddeutschen Zeitung, weiterhin über Donaueschingen zu berichten, ist symptomatisch. Zweitens wirkt Provokation heute in allen Künsten kraftlos, allenfalls sorgt Politpornografie noch für eine kurze Aufregung. Und drittens muss ja nicht immer der Durchschnitt als Maßstab genommen werden. Auch Beethovens späte Streichquartette sind nicht durchschnittskompatibel.

Was der Autor einen „hochgezüchteten, selbstreferenziellen Fußnotenbetrieb“ nennt, ist nicht mit zeitgenössischer Musik schlechthin gleichzusetzen. Zweifellos gibt es solche Spezialeinrichtungen, die auf Außenstehende exotisch wirken. Etwa die Darmstädter Ferienkurse, die ihrer Tradition als Spezialistentreff seit über sechzig Jahren treu geblieben sind. Aber warum sollte es solche harmlosen Theoriebuden nicht auch geben dürfen in einem Land, das zu den reichsten der Welt zählt? Das meiste Geld wird doch für weit dümmere Dinge ausgegeben.

„Die“ Neue Musik gibt es nicht mehr. Der Autor übersieht, dass es inzwischen Sorten von zeitgenössischer Musik gibt, bei denen die Säle genau so voll sind wie bei Bach und Mozart. Warum sind die Donaueschinger Musiktage ausverkauft? Wieso können die Orchesterkonzerte der Münchner Musica viva den Herkulessaal spielend füllen? Was treibt die Menschen in London in die Konzerte von Birtwistle und die jungen Polen in die Konzerte des „Warschauer Herbsts“? Offensichtlich gibt es heute ein wachsendes Publikum mit einem Interesse an einer Musik, die zwischen klassischen Dreiklängen und computergestütztem Pop angesiedelt ist. Ein Feld, das darauf wartet, von den Komponisten beackert zu werden. Mit Insiderdünkel, den der Artikelschreiber zu Recht karikiert, können sie hingegen diesen Bedürfnissen ebenso wenig gerecht werden wie mit süffiger Neosinfonik. Nötig sind ein (selbst-)kritischer Geist und ein Gespür für das, was die Menschen heute bewegt. Das Publikum ist bekanntlich nicht so dumm wie diejenigen, die es verachten.

Max Nyffeler

Oktober 2014

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