„Der neue Louvre ist audiovisuell“

Music in the Air, eine bemerkenswerte Dokumentation von Reiner Moritz über Musik im Fernsehen

Music in the Air CoverEine simple Tatsache sagt manchmal mehr aus als ein langer Vortrag, und der versierte Mediendirigent Herbert von Karajan wusste, wie man so etwas wirkungsvoll in die Öffentlichkeit bringt. Zurückgekehrt von einem Gastspiel in Japan, wo er zwölf im Fernsehen übertragene Konzerte dirigiert hatte, sagte er 1957 in die Mikrofone und Kameras, der japanische Sender schätze die Zuhörerzahl für ein Konzert auf etwa achtzehn Millionen, und fügte dann säuerlich lächelnd hinzu: „Und wir spielen vor dreitausend.“ Ein Hebel von eins zu sechstausend, das würde heute auch an der Börse als respektabel gelten. Für die klassische Musik kam es einer Explosion gleich.

Was dieser Popularitätsschub bedeutet, den sie durch das Fernsehen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfahren hat, wird von vielen bis heute nicht wahrgenommen oder einfach verdrängt. Vielleicht hängt das ja mit dem schlechten Ruf zusammen, den das Medium Fernsehen durch die unaufhaltsame Boulevardisierung bei einem Publikum erlangt hat, das von Musik noch mehr als oberflächlichen Zeitvertreib erwartet. Tatsache ist jedoch: Mit dem quantitativen Sprung ging auch eine Veränderung der gesamten Musikwahrnehmung einher. Das Auge hörte plötzlich mit. Dem Laien bot das eine Einstiegshilfe, dem Kenner zusätzliche Erkenntnisse über Werk und Interpretation. Fernsehen als Instrument der Aufklärung.

Diesen viel zitierten und oft verratenen Bildungsaspekt rückt auch die in englischer Sprache produzierte Dokumentation „Music in the Air“ von Reiner E. Moritz gebührend ins Blickfeld, nicht zuletzt mit einem prominent platzierten, auch heute noch unwiderstehlichen Ausschnitt aus Bernsteins „Young People’s Concerts“ von 1958 in der Carnegie Hall.

Die Filmdokumentation „Music in the Air“ von Reiner Moritz entstand zum fünfzigjährigen Bestehen des IMZ, des Internationalen Musikzentrums Wien, in dem die Produzenten und Regisseure des klassischen Musikfilms zusammengeschlossen sind. Er gibt einen einzigartigen Einblick in die Entwicklung des Musikfilms von den glorreichen Anfängen in den vierziger Jahren bis heute. Der Autor, selbst ein erfahrener Produzent und Musikfilmemacher, tauchte bei seinen Recherchen tief in die großen Fernseharchive vor allem der BBC ein. Kostbarkeiten aus privaten Beständen ergänzen die Auswahl, und vor der Kamera kommentieren frühere Pioniere und heutige Akteure die Entwicklung des Metiers aus der Innensicht: Sir David Attenborough, ehemaliger Programmdirektor der BBC und legendärer Naturfilmautor, führende Regisseure wie Brian Large und Bruno Monsaingeon, der französische Filmproduzent Claude Guisard, Herbert Kloiber, einstiger Filmmanager in der Firma Unitel von Leo Kirch, der die Karajan-Filme finanzierte, und viele andere.

Auffallend an der Materialfülle, die hier ausgebreitet wird: Jeder Schritt in technisches Neuland fiel stets mit ästhetisch anspruchsvollen Produktionen zusammen. Nicht Pop, sondern Klassik war der Türöffner des Fortschritts. Toscanini und sein NBC Symphony Orchestra bestritten 1948 die ersten USA-weiten Live-Musiksendungen; die erste Stereosendung im französischen Fernsehen erfolgte 1961 mit einer Oratoriumsfassung von Aischylos’ „Persern“, und die ersten regelmäßigen Live-Übertragungen von Musikveranstaltungen in die weltweiten Kinos kommen heute aus der New Yorker Met.

Die Rolle des Fernsehen hat sich seit den Blütezeiten früherer Jahre gewandelt. Attenborough stellt fest, dass an Stelle der einst sorgfältig konzipierten, die Hintergründe von Werk und Interpretation ausleuchtenden Studioproduktionen heute meist Live-Sendungen mit Event-Charakter getreten sind. Doch auch er anerkennt, dass dank der heutigen Technik bei Direktübertragungen ein Spannungsmoment entsteht, das die Inhalte auf ganz neue Weise dem Publikum zu vermitteln vermag und damit dem Medium neue Perspektiven eröffnet. Ein waghalsiges Experiment wie die Traviata als „Flashmob Opera“ im Hauptbahnhof Zürich belegt das ebenso wie auf ganz andere Weise die zauberhafte Aufnahme der jungen Anna Netrebko aus der Oper in St. Petersburg.

Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schallplatte für die Verbreitung der Musik leistete, bewirkte in dessen zweiter Hälfte zu einem guten Teil das Fernsehen, das dank den bewegten Bildern nun auch die lebendige Aufführungspraxis festhalten kann. Mit dem Zitat von André Malraux, „Der neue Louvre ist audiovisuell,“ wird diese Rolle präzis benannt. Die Geschichte der Schallplatte ist bekannt. Die Geschichte der Musik im Fernsehen muss noch geschrieben werden. Einen Vorgeschmack darauf gibt die Dokumentation Music in the Air, und sie zeigt: Der Fundus ist riesig und die Gegenwart lebendiger denn je.

Max Nyffeler

Reiner Moritz: Music in the Air. A History of Classical Music on Television. Arthaus 101 640 (1 DVD)

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