Michael Quell und die Dark Matter

Michael Quell CoverDie Musik von Michael Quell erschließt sich nicht durch schnelles Hören. Unterscheidet man zwischen Kompositionen, die unmittelbar über ihren Klang zum Hörer sprechen und ihr Innerstes wortlos offenbaren, und solchen, die ihr Potenzial erst in Verbindung mit begrifflicher Reflexion zur Entfaltung bringen, so gehören die Werke von Michael Quell fraglos zur zweiten Kategorie. Die Texte, die er zu den vom Ensemble Aventure eingespielten Kammermusikstücken verfasst hat und deren Impuls im intelligenten CD-Kommentar von Jim Igor Kallenberg aufgegriffen wird, sind in gewisser Weise Teil der Kompositionen. Sie wollen nicht einfach das Gehörte „erklären“, sondern erweitern das Komponierte zu einem mehrdimensionalen Raum von Gedanken und Assoziationen, die auf Dinge verweisen, die dem menschlichen Verstand nur noch begrenzt zugänglich sind: dunkle Materie, fluktuierende Systeme, Mystizismus. Als Vehikel für diese Gedankenflüge dient der extrem wandlungsfähige Klang, den Fahrplan dazu liefert die akribische Notation. So wird der Hörer mitgenommen auf eine Fahrt in ein Reich der freien Assoziationen und fantastischen Bildwelten. Quells elaborierte Strukturen lassen kleine Dramen aufploppen und bilden überraschenden Volten. In „φαντασία – lass die Moleküle rasen“ nach Morgenstern, das sich zunächst im Schatten des Klassikers, Berios „Sequenza III“, bewegt, wird die akrobatische Stimme von Christina Simolka am Schluss mit feiner Ironie zum Duett verdoppelt. Gedanken von kosmischer Ferne schlagen in der klanglichen Erscheinung unvermittelt in körperliche Empfindungen um, luzide Strukturen verwandeln sich in entsublimierte Klänge. So in „Dark Matter“, wo die hochgespannte, durch mikrotonale Schwankungen und Multiphonics angereicherte Musik plötzlich zu schmatzen, zu schnalzen und zu murmeln beginnt. Philosophische Spekulation und konkreter Klang stehen sich bei Michael Quell nicht beziehungslos gegenüber. Es sind Gegensätze, die einander bedingen. (Neos)

Eine leicht veränderte Version ist in MusikTexte Nr. 165/2020 erschienen.

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