Litauen 1990, ein Rückblick

Antisowjetische Demonstration in Litauen
Antisowjetische Demonstration in Litauen | Bild: Rimantas Lazdynas (GNU License)

1990 existierte in Litauen eine revolutionäre Situation. Die Lebensmittelläden  waren leer, die Menschen gingen für die Freiheit auf die Straße und erwarteten täglich die Intervention der Sowjetarmee, das Parlament wurde mit Barrikaden geschützt. Und mitten in dieser explosiven Lage wurde in der Hauptstadt Vilnius ein Musikfestival veranstaltet. Das war vor 31 Jahren – eine lange Zeit, in der sich vieles verändert hat. Umso wichtiger scheint es, an diese Tage nochmals zu erinnern, als das Schicksal nicht nur Litauens, sondern aller Länder, die damals zu den sogenannten Satelliten der UdSSR gehörten, an einem dünnen Faden hing. Der nachstehende Bericht erschien Anfang Januar 1991 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Es gibt kein Zurück

Die Situation der Musik in Litauen vor dem Militäreinsatz

Eine Mischung von Nervosität, Unsicherheit und trotzigem Selbstbehauptungswillen war in der litauischen Hauptstadt Vilnius im vergangenen November zu spüren, als das Festival „Musikalischer Herbst“ stattfand. Nicht nachgeben und weiterarbeiten hieß allgemein die Devise. Trotz aller Skepsis baute man unbeirrt an der Zukunft. Gäste aus dem Westen wurden zu dieser jährlichen Leistungsschau der litauischen Komponistinnen und Komponisten eingeladen und mit offenen Armen empfangen: Seht, so ist es bei uns, wir haben unsere alten musikalischen Traditionen nie aufgegeben, wir kennen die Euren im Westen immer noch, lasst uns zusammenarbeiten, denn wir gehören zu Europa.

Für den veranstaltenden Komponistenverband war das Festival ein Testlauf für die nächsten Jahre: Bis 1993 sollten schrittweise die andern baltischen Länder, Deutschland, Skandinavien, Polen und ein hoffentlich friedliches Russland dazukommen, um aus dieser rein litauischen Angelegenheit nach und nach ein internationales Festival der Ostseestaaten zu machen. Es sollte ein Forum des offenen Gedankenaustauschs werden und die alte kulturelle Brückenfunktion wiederbeleben, die Litauen und seine Hauptstadt Vilnius, auf halbem Weg zwischen Berlin und Moskau gelegen, einst besaßen.

Wird Litauen nun wieder in das depressive geistige Klima der letzten Jahrzehnte zurücksinken? Wird die Kultur wieder ihre Rolle als Projektionsfläche für unerfüllte Sehnsüchte nach nationaler Identität spielen müssen, anstatt sich im freien Austausch mit den besten europäischen Traditionen messen zu können? Beide Tendenzen sind heute nebeneinander vorhanden. Beim „Musikalischen Herbst ’90“ konnte man in Vilnius eine zwiespältige Mischung von nationalem Feierlichkeitspathos und offenem Denken beobachten. Sie entsprach in ihrer Unschlüssigkeit der politischen Ambivalenz in diesem Moment der gespannten Ruhe vor dem Sturm.

Zur kulturellen Vielfalt Europas leisten die Litauer einen unverwechselbaren Beitrag in Form einer zäh bewahrten Tradition, die noch in der vorchristlichen Zeit wurzelt. Die Überlieferung ist lebendig geblieben, trotz wechselnden Unterdrückern aus Ost und West, trotz des Verbots der litauischen Sprache und Schrift durch den Zaren im 19. Jahrhundert. Aus dieser randständigen Minoritätenkultur wuchs um die Jahrhundertwende, an der Schwelle zur Moderne, eine Figur wie der Symbolist Mikolajus Ciurlionis heraus, der als Komponist und Maler europäischen Rang beanspruchen kann; Ausstellungen und Konzerte vor einem Jahrzehnt in Berlin und 1989 in Duisburg belegen das.

Übrigens kommt das Verdienst, durch wissenschaftliche Quellenarbeit das Werk des Komponisten Ciurlionis der Gegenwart erhalten zu haben, im wesentlichen Vytautas Landsbergis zu – der Staatspräsident ist nicht bloß irgendein Klavierprofessor, wie er vereinzelt in der Presse apostrophiert wurde. Die Tendenzen der Moderne fanden in Litauen einen fruchtbaren Boden. Bis 1939 gab es eine litauische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), und in den letzten zwei Jahrzehnten entstand hier trotz Isolation eine neue Musik: Komponisten wie Osvaldas Balakauskas, Bronius Kutavicius und andere schrieben Werke, die zwischen ethnischer Tradition und westeuropäisch-amerikanischer Avantgarde auf originelle Weise eine Brücke schlagen.

Die kulturelle Öffnung zum Westen, die sich in den letzten Jahren immer mehr abzeichnete, war für Litauen eigentlich nichts Neues, sondern nur die schrittweise Wiedereroberung alter, selbstverständlicher Rechte und Gepflogenheiten. Sie war auf allen Ebenen im Gang: im Kunstwerk selbst, im Bereich der individuellen Kontakte, in der offiziellen Kulturpolitik.

„Die Kultur in Litauen glich jahrzehntelang der Kultur an einem Hofstaat“, beschrieb der junge litauische Kulturminister Darius Kuolys, ein studierter Literaturwissenschaftler, in einem Gespräch im letzten November die frühere Situation. Die Künstler mussten die Rolle der Hofschranzen spielen. Nun verlangen sie eine klare Trennung von Staat und Kultur und die Freiheit, zu verkehren mit wem es ihnen beliebt. Die Zeiten sind vorbei, da die Verantwortlichen des Komponistenverbands, wollten sie in Kontakt zu ihren Kollegen im Nachbarland Schweden treten, erst monatelang im sowjetischen Kulturministerium antichambrieren mussten, bis man ihnen gnädigst die Erlaubnis zu geben geruhte oder auch nicht. Seit zwei Jahren wird in Vilnius selbständig entschieden.

Der litauische Komponistenverband war der erste Künstlerverband der Sowjetunion überhaupt, der sich offiziell von der sowjetischen Zentrale in Moskau lossagte und seine eigenen Organe frei wählte. Das war im Januar 1989. Die Autonomiebestrebungen nahmen seither auf allen Gebieten zu. Die litauische Unabhängigkeitserklärung im März 1990 war nur noch der spektakuläre letzte Schritt, der die Loslösung von der Sowjetunion auch politisch besiegeln sollte. Kulturell jedoch hatte sich Litauen aus dem Sowjetreich verabschiedet, lange bevor der Bruch manifest wurde. Der begrenzte kulturelle Freiheitsspielraum, der den Balten von Moskau zugebilligt wurde und der es etwa erlaubte, dass ein Komponist wie Denissow schon in Vilnius gespielt werden konnte, als er in Moskau noch tabu war, verstärkte nur die Zentrifugalkräfte.

Sollte es der sowjetischen Zentralgewalt gelingen, gegen den Willen des überwiegenden Teils der Bevölkerung das Rad zurückzudrehen, so wäre das ein Pyrrhussieg. Der Widerstand hat sich zu einer kollektiven Renitenz verdichtet, die die Beute schlicht ungenießbar macht. Ein kleines Volk wie das litauische, das so lange und so unbeirrbar seinen Weg gesucht hat und sich nun kurz vor dem Ziel sieht, lässt sich zwar physisch unterwerfen, aber nicht mehr geistig. „Die Freiheit, die wir jetzt ein paar Jahre eingeatmet haben, kann man nicht mehr ausatmen“, antwortete im letzten November eine Musikwissenschaftlerin auf die Frage, wie es denn nun wohl weitergehe. Und dann brachte sie auf den knappsten Nenner, was überall in unterschiedlichen Varianten zu hören war: „Ein Zurück gibt es nicht.“

Max Nyffeler / Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Januar 1991

 

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