Kreative Bastelei

Warum ist gerade die Musik so radikal von den digitalen Medien vereinnahmt worden und nicht das Bild, wo wir uns doch angeblich im visuellen Zeitalter befinden? Warum will man heute per Download oder Streaming „Millionen Songs“ auf seinem Computer oder Mobilgerät hören und sieht sich nicht laufend Bilder von Picasso und irgendwelche Fotos an? Klar, Musik kann man auch nebenher konsumieren, beim Kochen oder beim Spazieren. Bilder sehen kann man nicht um die Ecke. Doch die Ursache liegt wohl im Zeitcharakter der Musik selbst, in der Tatsache, dass sie immer nur flüchtig Gestalt annehmen kann. Kaum gesungen, schon verklungen. Einen solchen Prozesscharakter haben auch die Vorgänge im Computer, wo elektrische Impulse ebenfalls nur schnell wechselnde Zeichenfolgen erzeugen. Was dann über den Bildschirm oder den Audioausgang an unsere Sinne dringt, ist ebenso flüchtig und ungreifbar wie die Musik und muss immer wieder neu erzeugt werden.

Solche Analogien geraten ins Blickfeld bei der Lektüre des Buchs „Turing’s Cathedral“, in dem der amerikanische Autor George Dyson den Ursprüngen des digitalen Zeitalters nachforscht; er findet sie vor allem im Institute for Advanced Study an der Princeton Universität. Und noch etwas anderes kommt bei der Lektüre ins Bewusstsein: Es gibt einige erstaunliche Parallelen in der Geschichte des Computers und der Geschichte der Nachkriegsmusik.

1948 erblickt zum Beispiel in Princeton eine binäre Rechenmaschine das Licht der Welt, die 70.000 Multiplikationen pro Sekunde schafft. Entstanden ist sie eigentlich aus Schrott: aus ausgemusterten Armeegerätschaften, industriellen Vakuumröhren und selbstgebastelten mechanischen Teilen. Zur gleichen Zeit basteln in Paris die Komponisten Pierre Schaeffer und Pierre Henry mit Mikrofon, Verstärker und mit Tonband, ebenfalls einem ehemaligen Militärgerät, ihre Musikschnipsel und Alltagsgeräusche zusammen und schaffen damit die Musique concrète. Und wie in Princeton die Wissenschaftler ihre theoretische Intelligenz in Maschinenteile investieren, die schließlich rechnen können, so investieren in den fünfziger Jahren die Komponisten im Kölner Studio für elektronische Musik ihre künstlerische Intelligenz in Tongeneratoren und Filter, um daraus Musik zu gewinnen. In beiden Fällen kommt es zu einer neuartigen Form des Zusammenwirkens von menschlichem Geist und toter Materie. Noch ein drittes Beispiel: 1953 füttert in Princeton der Physiker und Mathematiker Nils Barricelli den Rechner mit Zufallszahlen, die er aus einem Satz Spielkarten gewonnen hat. Und kurz davor hat John Cage seine erste, vollständig auf Zufallsoperationen basierende Komposition realisiert, die „Music of Changes“. Angeregt wurde er durch das chinesische Buch I-Jing. Dieses ist übrigens auch in Princeton gelesen worden.

Die Parallelen ließen sich vermutlich leicht auf die folgenden Jahrzehnte ausweiten, über die Miniaturisierung der Rechner, die zur allgemeinen Verfügbarkeit der digitalen Klangproduktion wesentlich beigetragen hat, bis zum Internet, das das kompositorische Denken, die Distribution und das Hören von Musik strukturell nachhaltig verändert hat. Mit dem Unterschied allerdings, dass die frühere Forschungsarbeit an der neuen Materie heute weitgehend einer konsumptiven Haltung Platz gemacht hat: Man benutzt, was die Industrie zur Verfügung stellt. Das kreative Basteln ist selten geworden.

Die verborgene Wesensverwandschaft zwischen Musik und Technologie ist indes keineswegs eine neue Erscheinung. Darauf hat der Amerikaner Jaron Lanier, der sich mit den kulturellen Implikationen der neuen Technologien beschäftigt, schon 1999 bei einem Symposium in Luzern hingewiesen. Musikinstrumente, sagte er, seien den technologischen Möglichkeiten ihrer Epoche stets ebenbürtig, wenn nicht sogar voraus gewesen, und er nannte als Beispiel die Orgel im Spätmittelalter: Das sei das frühe Beispiel eines digitalen Instruments. Die Orgelpfeife bekommt entweder Luft oder sie bekommt keine. Also: Luft an, Luft aus, und das heißt: Ein Ton, kein Ton. Dasselbe passiert im Prozessor: Strom an, Strom aus. Eins oder null. Daraus entstanden im 15. Jahrhundert die Bicinien. Heute entsteht daraus virtuelle Realität.

Max Nyffeler

Mai 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.