Klassikvisionen

Beim Streaming ist der Zug abgefahren. Die Blu-ray Disc ist schon bald tot. Der „long tail“, die Verwertung älterer Rechte, die sich auf Dauer zu wesentlichen Erträgen summieren, ist ein Mythos des 21. Jahrhunderts, eine reine Lüge. Starke Worte aus dem Munde des Österreichers Bogdan Roščić. Der unerhört dynamische Boss der Klassiksparte bei Sony zieht die Schreckschusspistole, und die Zuhörer zucken zusammen. Vermutlich denkt er: So kann man die eigene Firmenstrategie am besten in die Gehirne hämmern und den eigenen Interessen zum Durchbruch verhelfen.

Beim diesjährigen Berliner Treffen der im Internationalen Musik- und Medienzentrum Wien (IMZ) zusammengeschlossenen Musikfilmproduzenten wurden nicht nur Hunderte neuer Musikfilme vorgestellt, sondern auf diversen Panels auch Branchenprobleme diskutiert. Man sprach über die Vermarktung von Live-Events, über rechtliche und finanzielle Fragen. Und natürlich auch über Internet und Streaming, und dies nicht nur in Form der zitierten Killerargumente. Tatsächlich geht auch der hoch auflösende Musikfilm zunehmend ins Internet. Der technische Fortschritt macht’s möglich.

Unter den großen Opernhäusern ist nun auch die Wiener Staatsoper groß ins Live-Streaming via Internet eingestiegen. Gegen eine Abo-Gebühr kann man nicht nur die Aufführung selbst sehen, sondern auch die ganzen Vorbereitungen vor und hinter der Bühne samt Interviews und Hintergrundberichten – dank der hohen Auflösung auch auf dem Großbildschirm. Ein weltweit empfangbarer Opernkanal, ähnlich den Übertragungen aus der Met, jedoch nicht über Satellit in die Kinos, sondern direkt ins Wohnzimmer.

In der großen thematischen Vielfalt der Musikfilme ist Oper ein Bestseller, wobei bekannte Namen noch immer als Zugpferde dienen. An der Spitze stand bis vor kurzem noch die Netrebko, heute ist es Jonas Kaufmann. Der schöne Bayer war bei den diesjährigen Screenings der unangefochtene Opernliebling, von Troubadour bis Parsifal. Neben großen Namen scheinen neuerdings aber auch große Freilichtveranstaltungen ein Renner zu sein: Klassik in der Berliner Waldbühne, vor dem Eiffelturm und auf dem Roten Platz mit Zehntausenden von Besuchern samt Feuerwerk und allem Pipapo. Eine Megalomanie, die vor allem von großen nationalen Fernsehanstalten, erstaunlicherweise auch von Arte, gepflegt wird und ungute Gefühle über die Zukunft der audiovisuellen Medien weckt. Klassik als mediales Massen-Betäubungsmittel mit festlichem Touch?

Zum Glück gibt es noch die vielen sachkundigen Dokumentationen über einzelne Künstler, Werke und kulturelle Phänomene, die den Musikfilm zu einem wertvollen Instrument von Bildung und Erziehung machen. Sie stammen meist von freien Produzenten. Doch für ihre Verbreitung ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen nach wie vor sehr wichtig. Ob es seiner Aufgabe noch nachkommen will? Die schwindenden Sendezeiten lassen Zweifel aufkommen.

Max Nyffeler

März 2014

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