Die Klassik und der Musikfilm

Klassische Musik ist eine Hörkunst, doch der Musikfilm kann dem Verständnis auf die Sprünge helfen. Ein Bericht von der Berliner Avant Première, dem internationalen Branchentreff der Musikfilm-Produzenten.

Die neuen Medien gelten gemeinhin als Spielwiese der kommerziellen Massenkultur, doch auch die klassische Musik hat hier inzwischen ein bleibendes Zuhause gefunden. Das reine Musikhören über den Lautsprecher erweitert sich immer mehr zur audiovisuellen Wahrnehmung. Genaueres über diese Veränderungen kann man bei der jährlich in Berlin stattfindenden Avant Première erfahren, dem internationalen Branchentreff der Musikfilmproduzenten, Vertriebsleute und Programmverantwortlichen in den Sendern. Bei dieser viertägigen Fachmesse, die vom Internationalen Musik- und Medienzentrum Wien (IMZ) ausgerichtet wird, gehen in vier Tagen hunderte von Neuproduktionen aus dem Klassikbereich in kurzen Ausschnitten über die Leinwand, Panels und Vorträge informieren über neue Tendenzen im internationalen Geschäft. Es wird diskutiert und gedealt, und was hier auf diesem Marktplatz feilgeboten wird, kommt irgendwann in den nächsten Monaten und Jahren zwischen New York, Paris und Tokio dann auch auf die Bildschirme.

Musikfilm-Produzenten sind längst nicht mehr nur die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Im Gegenteil, sie geben die Produktion mehr und mehr ab an Dritte und beschränken sich auf das Senden von eingekaufter Ware, mit Vorliebe zu nachtschlafener Zeit. Impulse kommen heute von anderer Seite. Führende Opernhäuser und Philharmonien haben eigene Medienfirmen gegründet, die ihre Neuproduktionen weltweit und oft live über Internetportale, über Satellit oder in Kinos anbieten; letztes Glied in der Verwertungskette ist jeweils die DVD beziehungsweise Blu-ray Disc. Vorreiter auf diesen Gebiet war vor einem Jahrzehnt die New Yorker Met mit ihren Premierenübertragungen live in die Kinos. Was damals noch belächelt wurde, hat sich inzwischen bestens bewährt; bis heute wurden allein in Deutschland und Österreich 1,5 Millionen Tickets verkauft.

Auch die großen Konzertsäle von Berlin bis San Francisco sind heute im Netz präsent. Ganz neu ist die Stockholm Concert Hall dazugekommen. Sie präsentierte sich in Berlin mit einer Produktion unter dem Titel Genesis, in der sich der aktuelle Stand der Aufnahmeästhetik spiegelte. Es geht nicht mehr um das bloße Abfilmen eines Konzerts mit sechs oder acht Kameras, sondern um die Verschmelzung von konzertanter und virtueller Realität zum intermedialen Live-Erlebnis, darin inbegriffen ein versierter Presenter, der den Zuschauer durch das Programm führt. Beim abendfüllenden Genesis-Projekt aus Stockholm übernahm diese Aufgabe Martin Fröst, ein Tausendsassa, der zugleich als hervorragender Klarinettist und Dirigent agierte.

Trotz aller Rückzugstendenzen sind die Fernsehstationen noch immer unverzichtbare Partner der Musikfilmproduzenten und -vertriebe. In den europäischen Ländern mit hoher medialer Dichte haben die öffentlich-rechtlichen Sender den Klassikfilm zumeist aus den Abendprogrammen verbannt, in Spartenkanäle wie Arte oder 3Sat ausgelagert oder in angeschlossene Webportale abgeschoben. Anderswo hält das Fernsehen jedoch noch dagegen und zeigt im Hauptprogramm nicht nur Auserlesenes aus dem internationalen Angebot, sondern auch Kostbarkeiten aus der geschichtsträchtigen Musikkultur ihrer Region. Dies ist vor allem bei Sendern aus Mittel- und Osteuropa noch der Fall. Und was die abendliche Kulturwüste bei ARD und ZDF angeht: Diese kompensiert nun ausgerechnet der Bezahlsender Sky Arts. Nach England, Neuseeland und Italien geht er im Juli auch in Deutschland und Österreich auf Sendung.

Zwei Themenfelder erfuhren nun bei der Avant Première 2016 eine besondere Akzentuierung. Da gibt es einmal den Musikfilm als gesellschaftsbezogene Dokumentation. Die BBC, mit ihren großen Eigenproduktionen heute eine Ausnahme unter den öffentlich-rechtlichen Sendern, stellte ein großangelegtes Musikfilm-Projekt vor, das Schulkinder mit klassischer Musik vertraut machen soll. In drei nach Altersstufen unterschiedlich gestalteten Serien unter dem Titel Ten Pieces werden je zehn Musikstücke in Musikvideos vorgestellt, deren Bildersprache aus der medial vermittelten Jugendkultur stammt. Der Aufwand ist groß, das Ergebnis beeindruckend. Einen ähnlichen Versuch, wenngleich für ein breiteres Publikum, präsentierte ein deutsches Produktionsteam unter dem Titel „Eras of Music History“. In vier Folgen wird die Geschichte der europäischen Musik erzählt, wobei auch hier unkonventionelle Darstellungsformen vorherrschen. Das wirkt animierend, auch wenn es manchmal scheint, die Autoren möchten die neue Musik nur in Watte verpackt dem Publikum präsentieren. Wenn zum Beispiel von Schönbergs bahnbrechender „Erwartung“ die Rede ist, erklingt dazu nicht die expressionistische Orchesterszene, sondern das gleichnamige spätromantische Lied aus Opus 2 von 1899 – eine unverständliche Entscheidung.

Ein anderer Musikfilm-Schwerpunkt betrifft den Tanz. Er ist die einzige Kunstform, die nur im Medium Film angemessen dokumentiert werden kann. Das hat dazu geführt, dass viele Choreographen heute eng mit Filmautoren zusammenarbeiten oder sogar selbst die Produzenten sind. Wie die beiden Kunstformen einander im technikfreudigen zwanzigsten Jahrhundert beeinflusst haben, zeigt eine beim Label Arthaus erschienene, mit seltenen Aufnahmen aufwartende Dokumentation von Reiner Moritz.

Der heutige Stand lässt sich beim holländischen Cinedans, seinem Festival „Dance on Screen“ und seinen Medienprodukten besichtigen. In Dancin’ the Camera, koproduziert vom Filmautor Pieter-Rim de Kroon und der Choreographin Marije Nie, verschmelzen Tanz, Musik und Bild durch den Einsatz der digitalen Mittel zu einer virtuellen Wirklichkeit, die ausschließlich auf der Leinwand darstellbar ist. Falsch läge indes, wer meinte, die Zeit der traditionellen Opernfilme und Musikdokumentationen sei abgelaufen.

Ein Film wie „The Devil’s Horn“ von Larry Weinstein erzählt mit Archivmaterial und aktuellen Aufnahmen die faszinierende Geschichte des Saxophons, und wenn Leonard Bernstein Mahler dirigiert, stockt einem noch immer der Atem. Der heutige Musikfilm hat viele Facetten.

Max Nyffeler

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