Gustav Mahlers Lied von der Erde geht online

Das Lied von der ErdeGustav Mahler und sein Lied von der Erde: ein interessanter Fall. Wenn es um neue Wege der medialen Vermittlung von Musik geht, dann trifft man regelmäßig auf Mahlers Namen, und heute, da viele Menschen ängstlich auf die Zukunft unseres Planeten blicken, wird auch seinem Lied von der Erde eine neue Aufmerksamkeit entgegengebracht. Das Interesse an Mahler hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass er, bereits an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts stehend, noch einmal das romantische Bild des Komponisten verkörperte, der die Verbindung von Kunst und Leben auf bedingungslose, wenn nicht selbstzerstörerische Weise praktizierte. Seine Musik bildet diese Kämpfe ab – ein Künstlerschicksal wie aus dem Bilderbuch.

Musikfilme über Gustav Mahler haben Tradition

Als geeignetes Medium zu dessen Darstellung erwies sich schon immer der Film. Die Serie der Annäherungen an die Künstlerfigur Gustav Mahler beginnt 1974 mit der bildersatten Arbeit von Ken Russell. Ein bemerkenswerter Neuansatz folgt 2011 mit dem Dokumentarfilm „Of Love, Death and Beyond“ des amerikanischen Filmemachers Jason Starr, in dem Mahlers Leben mit der Entstehungsgeschichte der Zweiten Sinfonie verknüpft wird; beteiligt ist eine illustre Schar von Kommentatoren, angefangen vom Mahler-Biographen Henry-Louis de La Grange über den Musikologen Constantin Floros und die Philosophin Martha Nussbaum bis  zum Bariton Thomas Hampson. Und 2019 veröffentlichte Jason Starr dann ein ähnlich gelagertes, Leben und Werk verbindendes Porträt, diesmal über die Erste Sinfonie.

Bei den gegenwärtigen Versuchen, die coronabedingten Schließungen der Konzertsäle durch Online-Präsentationen etwas wettzumachen,stehen Musik und Gedankenwelt von Gustav Mahler erneut im Fokus. Vor einem Monat hat das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam eine in Darstellungsform und Reflexionstiefe beispielhafte Netzversion ihres lange geplanten Gustav Mahler Festivals präsentiert, in dessen Zusammenhang auch Starrs 2014 gedrehter Film „Everywhere and Forever“ über Mahlers Lied von der Erde gezeigt wurde.

Das Lied von der Erde als Netzprojekt

Das Lied von der Erde, Mahlers Spätwerk für zwei Gesangssolisten und Orchester über altchinesische, von Hans Bethge ins Deutsche übertragene Gedichte, bildete nun vom 22.-28. Juni den roten Faden in einer siebentägigen Serie von Netzkonzerten der Symphoniker Hamburg unter ihrem Chef Sylvain Cambreling. Die Übertragungen fanden täglich um 19 Uhr statt; an jedem Abend kam ein Teil des Werks zur Aufführung, und am Sonntag sollte die Serie mit der Gesamtwiedergabe enden. Umständehalber wurde anstelle der originalen Orchesterbesetzung die Ensembleversion von Arnold Schönberg und Rainer Riehn für sechzehn Musiker gespielt. Der Titel des  Projekts lautete „Die liebe Erde allüberall“. Er deutet, ähnlich wie derjenige des Films von Starr, auf das Weltumfassende in dem elegisch umkränzten Lied von der Erde hin. Der transzendente Aspekt, der dieser musikalischen Vision auch innewohnt, blieb in Hamburg dagegen eher ausgespart.

Angekündigt war ein einmaliges Experiment: Die vorherrschende Nutzung des Internets als bloßer Verteilungskanal sollte aufgebrochen werden zugunsten einer Darstellung, die „die Möglichkeiten des digitalen Raums als ein Ort sui generis erkundet“  und ihn als „Ort der in einem neuen Sinne gemeinsamen künstlerischen Reflexion“ begreift. Neue Bildwelten sollten dabei entstehen, die bisher angeblich weder in der Kultur- noch in der Bildtheorie begrifflich hinlänglich erfasst worden sind. Eine so tiefgreifende Auseinandersetzung mit diesen Möglichkeiten in Verbindung mit klassischer Musik finde hier vermutlich weltweit zum ersten Mal statt, raunte die Pressemitteilung, und auch Künstliche Intelligenz käme zum Einsatz. Die Ambitionen waren ziemlich hochgeschraubt.

Leicht ist die Theorie, schwer die Praxis

Doch schon der erste Eindruck hinterließ gemischte Gefühle. Dass der Weg vom Medienseminar zur digitalen Wirklichkeit lang und dornig sein kann, zeigte sich schon darin, dass am zweiten Abend die Übertragung kurzzeitig ausfiel – „network error“. Was die technisch-performative Seite angeht, bewegte sich die Präsentation generell unterhalb der heute üblichen Standards der Vermittlung. Bis unmittelbar vor Beginn der Übertragung erklang aus dem Off zur Einstimmung noch Dvoraks Neunte – im Popkonzert gibt es dafür bekanntlich die Vorgruppen -, dann folgte, nur kurz durch eine Texttafel angekündigt, das erste Stück des Programms, das Larghetto aus einem Oboenkonzert von Cimarosa. Auch im weiteren Verlauf fügte ein anonymer Apparat Musikstück hinter Musikstück. Eine solche Datenbankmechanik wie bei den nächtlichen Fernsehserien mit pausenlos aneinandergefügten Dutzendkrimis lädt nicht gerade zu einer „gemeinsamen künstlerischen Reflexion“ ein.

Inhaltlich kreisten die ausgewählten Werke und Werkbestandteile an diesem Abend um das „Trinklied vom Jammer der Erde“, den ersten Satz aus  Mahlers Lied von der Erde. Musikalisch herrschte durchwegs ein ernster Tonfall vor, ständiger Begleiter im Programm war das Memento mori. Die optische Begleitung bei der Wiedergabe der düsteren Sechs Stücke für Orchester von Anton Webern, der Trauermusik von Paul Hindemith und von La Valse von Maurice Ravel in der Fassung für zwei Klaviere bestand in der Darstellung von Zerfallsprozessen.

Schöner Sommerabend mit Totensonntag-Atmosphäre

Der Videokünstler Aron Kitzig hatte dazu in Zeitlupe bewegte Bilder geschaffen: bröckelnde Grabmäler und Klonwesen, halb Mensch, halb Tier, die durch Morphing ihre Gestalt verändern und sich langsam auflösen. Lauter schönste Coronafantasien. Zur technisch anspruchsvollen Realisierung dieser Miniaturen kontrastierte das Bildformat. Links die Musiker auf der Bühne, rechts das begleitende Video und zur Abwechslung auch mal umgekehrt, eine Anordnung wie in Omas Bilderbuch, aber nicht auf der Höhe der heutigen technischen Möglichkeiten. Wie Musik und künstlich erzeugtes Bildmaterial auf innovative Weise miteinander in Beziehung gebracht werden können, hat in der vordigitalen Ära schon Iannis Xenakis mit den spektakulären Rauminstallationen seiner „Diatope“-Serie vorgemacht. Aber die Siebzigerjahre gelten im Internetzeitalter offenbar schon als Vorgeschichte.

Über die mediale Wahrnehmung hat man sich in Hamburg scheinbar wenig Gedanken gemacht. Für ein Geist und Sinne so herausforderndes Werk wie das Lied von der Erde ist jeder Computerbildschirm zu klein, nicht umsonst sind Musikfilme auf der Kinoleinwand heute beim Klassikpublikum beliebt. Die schematische Trennung des Bildschirms passt zu einem Powerpoint-Vortrag, aber nicht zu Mahlers Lied von der Erde und den anderen, damit zusammengelöteten Stücken.

Gängelung der Zuschauer, Geringschätzung der Interpreten

Zur Einstimmung und auch während der Show werden gelegentlich merkwürdige Schrifttafeln eingeblendet, offenbar in der Absicht, die Rezeption zu lenken. „Gleich passiert etwas. Die Sinne ansprechend, bewegen wir uns auf ein Unbestimmtes zu. Ein Dazwischen streben wir an“, heißt das Motto zu Beginn des vierten Abends. Auf das anbiedernde „Wir“ kann man schon wegen der falschen Satzkonstruktion gerne verzichten, und noch viel mehr auf das zu einer fast viertelstündigen Endlosschlaufe gedehnte Stimmen der Instrumente. Das Bild ist viel zu uninteressant, um diese Leerlaufzeit zu überbrücken. Wenn es mit dem Satz „Von der Schönheit“ aus dem Lied von der Erde dann endlich losgeht, wird man dafür mit dem Blick auf die Vagina von Gustave Courbets Unterleibsdame belohnt. Mit ähnlichen Bild- und Wortspäßchen geht es weiter im Parcours durch die Musik von Bartók und Debussy, und während sich die Sänger und Musiker auf einer Bildschirmseite abmühen, morphen auf der anderen Seite die Klone unverdrossen vor sich hin.

Im selben Maß, wie durch Schrift und Bild der Zuschauer/Zuhörer in seiner Wahrnehmung gegängelt wird, werden auch die Interpreten – neben Cambreling gehören dazu unter anderem Daniel Behle, David Orlowsky, Michael Volle und Martha Argerich – als künstlerische Subjekte geringgeschätzt. Sie tun ihr Bestes und sind doch nur Beiwerk zur Bildschirmshow.

Macht über den Apparat, Macht über die Menschen

1969 gab es in Darmstadt bei der Aufführung von Stockhausens Meditationsstück  „Aus den sieben Tagen“ einen Aufstand einiger beteiligten Musiker (u.a. Vinko Globokar), als ihnen  Stockhausen am Aussteuerungspult im höheren Interessen des von ihm kontrollierten ästhetischen Ganzen nach Gutdünken das Mikrofon herunterdrehte und  damit phasenweise einfach ihr musikalisches Ich auslöschte. Einen ähnlichen Endruck weckt diese Hamburger Veranstaltung: Die ahnungslosen Interpreten erscheinen als Töne-Zuliefer, die zum Zeitpunkt der Aufnahme – es wurde alles vorproduziert und dann montiert – offenkundig nicht wussten, in welches Framing sie mit ihrer Arbeit hineingeraten würden. Hatten sie deswegen einen so gleichgültigen Gesichtsausdruck?

Wer über den Apparat verfügt, verfügt über die Macht und damit auch über die beteiligten Menschen – die drinnen vor der Kamera und die draußen vor dem Bildschirm. So einfach ist das bei den elektronischen Medien. Was demokratische Strukturen in der Musikpraxis angeht, waren wir schon mal weiter.

Nachtrag: Dieser Text ist in zwei Etappen entstanden: Einmal am Mittwoch Vormittag nach den ersten beiden Folgen (Auszüge daraus wurden zum Zeitungsartikel, FAZ vom 25.6.), und einmal am Samstag, dem vorletzten Tag der gesamten Serie. Den Abschluss am Sonntagabend werde ich mir ersparen. Außer dem Eventcharakter bleibt nichts von diesem kruden Experiment im Gedächtnis zurück. Erkenntniswert gleich Null. Mahlers Lied von der Erde, um das es ja eigentlich gehen sollte, wird es wohl überstehen.

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