David Bowie, der Entertainer

Vorsicht, hier spricht der Popmusikmuffel, und es geht um David Bowie. Angesichts des medialen Weltereignisses, zu dem sein Tod gemacht wurde, konnte sogar ein hoffnungsloser E-Musikmensch wie ich nicht mehr weghören. Pop war für mich stets das Vergnügen der musikalisch Unbedarften, Chopin fand ich spannender als die Stones, und wegen meines Interesses an Cages Indeterminacy hatte ich sogar die Beatles-Welle verpasst. Auch David Bowie interessierte mich musikalisch nicht. Es war für mich eine Figur wie ein Fußballheld oder ein Hollywoodstar – halt ein Massenphänomen der Medienwelt, das man zum Leben so wenig braucht wie die Tagesschau oder das Dschungelcamp.

Eine Nachricht unter den vielen Nachrufen und Betroffenheitsbekundungen fand ich nun aber doch interessant. Bowie habe 1997 eine zehnjährige Anleihe von 55 Millionen Dollar an der Börse platziert, gedeckt durch die Einnahmen aus seinen zukünftigen Tantiemen. Zinssatz: attraktive 7,9 Prozent. Ein hochspekulatives Geschäft, auch wenn es hieß, die Plattenfirma EMI habe im Hintergrund den Deal abgesichert. Doch es war offenbar rentabel. Auch für Bowie selbst, denn 55 Millionen subito auf die Hand sind nicht zu verachten. Er war damit der erste Künstler, der die Erwartungen auf seine Tantiemen an der Börse feilbot. Ihm sollen dann weitere musikalische Großverdiener wie Rod Stewart, Iron Maiden und James Brown gefolgt sein.

Irgendwie genial, muss man sagen. Und auch ziemlich mutig in Anbetracht der Tatsache, dass solche windigen Papiere, die nicht mit vorhandenen, sondern mit noch zu erwirtschaftenden Werten „gedeckt“ waren, maßgeblich zum Finanzkrach von 2008 beigetragen haben. Bowie stieß damit in ein ungesichertes Terrain vor, in die Welt der schwindelfreien Finanzakrobaten. Avantgarde, einmal anders. Doch der Zeigefinger der moralischen Antikapitalisten wäre hier fehl am Platz. Bowie war die aktuelle Verkörperung jenes alten Künstlertyps, der seine Gestaltungskraft über die Töne hinaus auf die umgebende Welt richtet. In seinem Fall war das radikal zu Ende gedacht: „Welt“ nicht bloß als hör- und sichtbare Erfahrungswelt, sondern, ganz und gar zeitgemäß, auch als ungreifbare Welt der digitalisierten Finanzindustrie. Wo er dann gleich das große Rad drehte.

Die produktive Verbindung von Kunst und Künstler mit ökonomischer Macht gibt es in unserer Zeit vermutlich schon in der Renaissance, und es gibt sie auch wieder bei einem Operndirektor wie Händel, der übrigens wie Bowie nicht zufälligerweise in London, der Wiege der heutigen Musikindustrie, tätig war. Beide waren brillante Entertainer im doppelten Sinn: Unterhalter und Unternehmer. Der Markt, so lässt sich folgern, ist die beste Garantie für die Verbreitung von Kunst, und die maßgebliche Vermittlungsinstanz sind heute die audiovisuellen Massenmedien. Ohne sie keine Popkultur, ohne sie kein Bowie. Er hat die technischen Mittel nicht nur ökonomisch, sondern auch künstlerisch optimal genutzt. Seine Stimme war mittelmäßig, doch das Singen war nur ein Teil seiner Performance. Sein Erfolg beruhte ähnlich wie derjenige von Michael Jackson vor allem auf der perfekten medialen Inszenierung seiner Person. Seine coole und undurchschaubare Erscheinung wurde damit zur Projektionsfigur für alle diejenigen, die sich gerne ebenso cool hinter einer Maske versteckt hätten, um sich einzureden, Herr über die unbeeinflussbare Wirklichkeit zu sein.

Bowie war zweifellos Herr über die Wirklichkeit, zumindest was seine künstlerische Wirkung und ihren ökonomischen Ertrag anging. In seinem gut kaschierten Innenleben hat es offenbar anders ausgesehen, aber was geht uns das an? Die für E-Musik-Leute wie unsereins entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie kommt es, dass eine kulturindustrielle erzeugte Kunstfigur wie Bowie über alle Kulturen und Generationen hinweg so viel besser die Menschen anspricht als die komponierte Musik der Gegenwart? Deren Schöpfer behaupten doch immer, geistige Avantgarde zu sein.

Wohlverstanden: es geht nicht um die falsche Hoffnung auf Fanbataillone, Fun und Einschaltquoten. Volks-, respektive Popkultur und Hochkultur sind seit jeher zwei Paar Schuhe, und eine Musik für kleinere, gebildete Gruppen kann gesellschaftlich ebenso nachhaltig wirken wie eine Musik für die Massen. Doch es geht um die Botschaft, die eine Musik transportiert, und in diesem Punkt liegt die heute komponierte Musik weit abgeschlagen zurück. Ihre Botschaften, falls vorhanden, sind zumeist von rein persönlichen, anekdotisch wirkenden Sehweisen bestimmt, oder, noch schlimmer, sie beziehen sich auf binnenästhetische Debatten. Beides ist uninteressant für alle, die nicht dazugehören. Die großen Fragen und Emotionen unserer Gegenwart, in prägnante musikalische Bilder umgesetzt, sucht man in dieser Musik größtenteils vergeblich. Kein Wunder, dass sich dann auch viele E-Musikhörer lieber den perfekt designten Bildern eines David Bowie zuwenden.

Max Nyffeler

Februar 2016

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