Die Riddle Songs von Stef Conner und Hanna Marti

Riddle Songs, Hanna Marti und Stef Conner
Old English Riddle Songs: Hanna Marti (links) und Stef Conner

Unter den zahllosen kreativen Beiträgen, die während des Corona-Lockdowns im Netz gepostet wurden, ragen die Old English Riddle Songs von Hanna Marti und Stef Conner hervor. Die in altenglischer Sprache gesungenen Rätselsprüche befinden sich auf Youtube und sind in der Reihenfolge ihrer Entstehung sauber durchnummeriert: Week 1, Week 2 etc. Beendet werden sie meist mit dem Nachsatz: „In tempore pestilentiae MMXX“, in der Zeit der Seuche 2020.

Die zwei Musikerinnen, die sich mit diesen wöchentlichen Videoproduktionen die lange Dürrezeit etwas verkürzt haben, sind Interpretinnen Alter Musik mit einem weiten Interessengebiet. Hanna Marti, die Schweizerin, hat in der Jugend Rockmusik gemacht und dann an der Schola Cantorum Basel Gesang studiert, die Engländerin Stef Conner, Sängerin und Komponistin, absolvierte ihr Musikstudium an der University of York. Beiden gemeinsam ist ihr Interesse für alte Kulturen weit über das Mittelalter hinaus, bis hin zu den Metamorphosen des Ovid, zu Gilgamesch und Edda.

Ihre Zusammenarbeit begann 2018 in Benjamin Bagbys Ensemble Sequentia, zu dessen Mitgliedern Hanna schon länger gehört. Bagby, eine herausragende Figur in der Alte-Musik-Szene, vielseitiger Forscher und Anreger, war in der Vergangenheit so etwas wie ein Mentor der beiden. Gegenwärtig sind sie Teil eines Ensembles, das unter seiner Leitung eine Auswahl von Gesängen aus dem satirischen Roman de Fauvel aus dem 14. Jahrhundert einstudiert. Die szenische Aufführung, Regie Peter Sellars, ist für 2022 im Pariser Châtelet-Theater geplant.

Die Riddle Songs passen in keine Schublade

Das Sequentia-Projekt, bei dem sich Stef und Hanna kennenlernten, trug den Titel „Words of Power“ und bestand aus Zaubersprüchen, Rätseln und Elegien aus dem nordischen Mittelalter. In ihren Riddle Songs konzentrierten sie sich nun auf Verse, die sie im berühmten Exeter Book fanden; die Handschrift stammt aus dem 10. Jahrhundert und ist eine der wichtigsten Quellen altenglischer Literatur. Ihre Vertonungen für Stimme und mittelalterliche Harfe bzw. Leier orientieren sich zwar an mittelalterlichen Modellen, doch es sind genuine Neuschöpfungen.

Die Praxis der Alten Musik, Verschüttetes aus früheren Epochen durch historische Forschung wiederzubeleben, wird in den Riddle Songs auf radikale Weise weitergedacht: An die Stelle des rekonstruierten Alten tritt das aus dem Geiste der Vergangenheit geschaffene Neue. Herausgekommen ist ein ungewöhnlicher Fall von hybrider Kunst, eine Synthese von historischer Forschung und aktuellem künstlerischem Schaffen. Eine Musik zwischen den Kategorien. Der neuen Musik ist sie kaum zuzuordnen, auch keinem aktuellen Trend und keinem Genre. Aber sie ist hörbar inspiriert vom Zauber der zeitlosen Wahrheiten, den diese alten Rätselsprüche auch heute noch auszuüben vermögen.

Die Riddle Songs auf CD

Rund ein Dutzend der Riddle Songs, ergänzt durch Vertonungen von Runengedichten und alten Hymnen, sind beim englischen Label Delphian Records auf einer sorgfältig edierten, mit ausführlichen Kommentaren versehenen CD erschienen. Die Youtube-Playlist fügt weitere hinzu, wobei hier noch die visuelle Attraktivität dazukommt. Die Aufnahmen sind einzigartig in mehrfacher Hinsicht.

Die Texte mit einer Thematik, die vom derben, schnurstracks unter die Gürtellinie zielenden Alltagsspruch über die Marienhymne bis zur philosophischen Reflexion reicht, gewähren einen lebendigen Einblick in einen wenig bekannten Bereich mittelalterlicher Kultur.

Die musikalische Seite fasziniert nicht nur durch die Schönheit der beiden Stimmen, die in den zweistimmigen, organum-ähnlichen Vokalsätzen perfekt harmonieren, sondern auch von der Komposition her. Die modal basierte Melodik passt sich dem Sprachduktus zwanglos an und zeichnet sich durch grossen Erfindungsreichtum aus. Ausgehend von den geistlichen und weltlichen Vorbildern jener Zeit kommt es gerade in den solistischen Stücken immer wieder zu Momenten von beeindruckender Ausdruckskraft. Von Stef Conner enthält die CD zudem einige klanglich sensibel ausbalacierte, harmonisch berückende Vokalsätze für kleinen Chor. Man darf hier ohne Umschweife einmal von grosser Vokalkunst sprechen.

Locker vor der Kamera

Mit den filmischen Varianten der Riddle Songs auf Youtube, produziert zum Promoten der CD und aus Spass an der Freud‘, kommt nochmals etwas völlig Neues hinzu: der experimentelle Umgang mit dem Medium Video. Umgebung und Aufnahmeperspektive sind jedes Mal anders, und die beiden Musikerinnen erweisen sich als absolut kameragewandt: cool, konzentriert und zurückgenommen im Ausdruck. Die Suggestivkraft ist beträchtlich. Und über allem schwebt ein Hauch von spielerischer Leichtigkeit.

Auf die Frage, wer die Aufnahmen und den professionell anmutenden Schnitt der Riddle Songs Videos zu verantworten habe, sagt Stef Conner, das sei alles selbstgemacht. „Es war Learning by Doing. Für uns war es eine gute Gelegenheit, die Arbeit mit der Video-Software zu lernen. Wir klickten auf einen Button und schauten, was dabei herauskommt.” Hanna Marti ergänzt: „Stef lebt in Cambridge und ich in der Nähe von Basel, und weil das ja ein Corona-Projekt war, produzierten wir es übers Internet. Bei den Duos hat Stef die Melodie aufgenommen und ich die Begleitung, und umgekehrt.” Anschliessend wurden die Tracks zusammenmontiert.

Im Zusammenwirken von hoher Fachkompetenz und erfinderischem Umgang mit den neuen Medien zeigt sich ein neuer Musikertypus, der im Klassikbereich, ausserhalb der Szene der Elektronikspezialisten, noch selten anzutreffen ist. Die Arbeitsteilung zwischen Künstler und Aufnahmetechniker ist tendenziell aufgehoben, es gibt kein Vor und Hinter der Kamera, keine trennende Glasscheibe mehr. Das Kunstwerk und seine mediale Vermittlung sind keine Gegensätze mehr, sondern bilden ein einheitliches Ganzes.

Stef Conner: Das Gilgamesch-Epos
CD Cover „The Flood“

Diese Offenheit und Bereitschaft zum Experiment zeigt sich auch in anderen Projekten der beiden. Viel Furore machte das Projekt „The Golden Lyre of Ur“, in dem Stef Conner zusammen mit dem englischen Instrumentenbauer und Altertumsfreak Andy Lowings eine Wiederbelebung von Teilen des viertausend Jahre alten Gilgamesch-Epos unternahm.

Lowings hatte auf der Basis von Trümmern einer babylonischen Lyra das alte Instrument nachgebaut; Stef Conner lernte von Andrew George, Altertumsforscher an der London University, die Aussprache der Keilschrift und komponierte zu den Texten eine neue Musik. Das ungewöhnliche musikalische Resultat ist auf der CD The Flood (Die Flut) festgehalten.

Hanna Marti: Die Gefängnispoesie des Boethius

Auch Hanna Marti unternimmt zielgerichtet Expeditionen in musikalische Gebiete jenseits des Mainstreams. Bereits 2016 erarbeitete sie in einer Sequentia-Formation zusammen mit Benjamin Bagby und dem Flötisten Norbert Rodenkirchen ein Programm unter dem Titel Boethius – Songs of Consolation. Die Texte stammen aus der Schrift „De consolatione philosophiae“ (Über den Trost der Philosophie) von Boethius, der sie in den 520er Jahren im Gefängnis in Padua verfasste; der spätantike Philosoph und Staatsmann wurde aufgrund einer Intrige verhaftet und 526 hingerichtet. Die Mönche des Mittelalters haben die Gedichte auch gesungen. Mehrere dieser Gesänge sind in Neumenform überliefert, andere wurden jetzt rekonstruiert. Hanna Marti bringt diese Musik in weiten, expressiven Melodiebögen zum Leuchten. Die Gesänge sind als Produktion der Schola Cantorum Basel 2018 beim Label Glossa auf CD erschienen.

Von der Edda zum Codex Manesse

Inzwischen hat Hanna Marti zusammen mit der Flötistin Mara Winter auch ein eigenes Ensemble namens Moirai gegründet. Mit ihm widmet sie sich den altnordischen Kulturen. Sie hat in Reykjavik Quellen der Edda, einer altisländischen Sammlung von Götter- und Heldensagen, studiert und bereitet mit ihrem Ensemble eine CD dazu vor. Eine der ausdrucksstarken Nummern, Völuspá, hat sie bereits auf Youtube veröffentlicht. Es sind die Worte einer Seherin, die den Untergang der Welt voraussagt:

In ihrem neuesten Projekt befasst sich Hanna Marti mit den Minneliedern im Zürcher Codex Manesse aus dem frühen 14. Jahrhundert. Da der Codex keine Musik enthält, werden die Melodien von ihr aus anderen Handschriften übernommen oder rekonstruiert. Die Stücke werden in Form einer Narration dargeboten, in der der Zürcher Minnesänger Johannes Hadlaub als ein Führer durch die Geschichte fungiert. Ausschnitte daraus werden erstmals am 26. September 2021 im Rahmen der Tage für Alte Musik Zürich zu hören sein.

Eine leicht veränderte Printversion ist erschienen in der Schweizer Musikzeitung Nr. 7/8, 2021, S. 10-11.

Homepage Hanna Marti: www.hannamarti.com/
Homepage Stef Conner: www.stefconner.com/

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