Die Cloud, unser neues Zuhause

Ich habe eine Cloud – nein, gleich zwei. Oder sogar drei? Heute, da immer mehr Daten aus dem Internet kommen und ins Internet gehen, kann man schnell den Überblick verlieren. Also der Reihe nach: Die erste Cloud habe ich seit mehreren Jahren; sie speichert meine Backups und ist idiotensicher verschlüsselt, aber nicht ganz billig. Die zweite Cloud wurde mir von Apple aufgenötigt, wegen Software-Update undsoweiter. Die dritte bietet mir die Telefongesellschaft gratis an; die ist eigentlich überflüssig, aber man kann darin immerhin schöne Fotoalben zeigen.

Und dann werben noch alle möglichen Provider, Dienstleister und Webshops mit solchen Gratiswolken. Mit dem beliebten Werbespruch „Ihre ganz persönliche Cloud!“, ergänzt durch den Lockruf „Nur einen Mausklick entfernt!“, wird suggeriert, ich könne mir irgendwo im Cyberspace ein eigenes kleines Zuhause erobern, eine Art abgesteckten Claim, wie es einst die Siedler im Wilden Westen machten. Der Begriff „Home“ täuscht darüber hinweg, dass ich in dieser virtuellen Welt nur geduldet bin – solange ich dafür bezahle oder mit meiner Mailadresse die Tür für allerlei unerwünschte Besucher offenhalte.

Seit vor einem Jahrzehnt Cloud-Computing aufgekommen ist, verlagern sich unsere kognitiven Prozesse immer mehr ins Internet. Wir verlängern unseren Gehirnspeicher ins Internet, wir wickeln unsere Denkprozesse im Internet ab und delegieren bestimmte Routinen an die Algorithmen im Internet. Viele Industrieprodukte entstehen heute arbeitsteilig über die Kontinente hinweg, wobei die Arbeitsprozesse über eine Cloud koordiniert werden.

Auch die Musik ist ein durch und durch arbeitsteiliges Produkt, und mit ihrer flüchtigen Erscheinung passt sie sich von allen Künsten am besten der digitalen Sphäre an. Diese ist mit ihren unendlichen Kombinationen von Einsen und Nullen ebenso flüchtig. Jeder noch so komplexe Orchesterklang kann auf schlichte Bits und Bytes hinuntergerechnet und dank der Cloud-Technologie heute jederzeit und überall abgerufen werden. Und da sich mit immer schnelleren Übertragungsraten die Tonqualität laufend verbessert, verlagert sich auch der Verkauf von Musik zunehmend ins Internet.

Das neue Geschäftsmodell basiert auf Streaming. Der Musikkonsument holt sich nicht mehr eine CD aus dem Regal, sondern hört sich die Musik im Internet an. Wie schon vor zwanzig Jahren der Internet-Theoretiker Jeremy Rifkin festgestellt hat, wird damit der Besitz einer Sache abgelöst durch den Zugang zur Sache.

So wird auch die einst kontrovers diskutierte Frage: „Wem gehört die Musik?“ durch die Macht der Fakten eindeutig beantwortet: Sie gehört nicht den Konsumenten, sondern den Rechteinhabern – den Autoren, Interpreten, Produzenten, Verlagen und wer sonst noch dazu gehört. Unter ihnen wird auch der Kuchen aufgeteilt. Den Löwenanteil holt sich jedoch zuvor der Streamingdienst. In Deutschland, so war neulich zu lesen, kassiert Spotify 30 Prozent der Einnahmen aus den Abonnementen.

Das weltweite Milliardengeschäft mit Musik zieht die Aufmerksamkeit auf sich, doch das sollte nicht dazu führen, dass die anderen Aspekte der Cloudtechnologie übersehen werden. Sie wird vermutlich nicht nur das Musikhören, sondern unsere ganze Lebensweise einmal mehr nachhaltig verändern. Die digitale Revolution geht ungebremst weiter.

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