Das Alumni-Orchester der Lucerne Festival Academy

Die Datenbank macht’s möglich: Plötzlich tritt ein Orchester auf, das es eigentlich gar nicht gibt.

Zum Abschluss des Lucerne Festivals zu Ostern erklangen vier Kompositionen, die so gar nicht in das vorösterliche Programm zu passen schienen, und aufgeführt wurden sie von einem neuen, ad hoc gebildeten Klangkörper, dem Alumni-Orchester der Lucerne Festival Academy. Mit einem Gedenkkonzert für den in Januar verstorbenen Pierre Boulez, Gründer und langjähriger Leiter der Lucerne Festival Academy, gab diese neuartige Orchesterformation vor vollbesetztem Saal nun ihren Einstand.

Die Würdigung hätte nicht besser ausfallen können. Mit den Drei Orchesterstücken op. 6 von Alban Berg und Strawinskys „Sacre du printemps“ standen zwei Werke im Zentrum, die zum Kernrepertoire des Dirigenten Boulez gehört hatten – klanggewaltige, katastrophisch aufgeladene Frühwerke der Moderne, die nun vom jungen Alumni-Orchester unter der Leitung von Matthias Pintscher in einem Akt kollektiver Virtuosität zum Klingen gebracht wurden. Eingerahmt wurden sie von zwei Kompositionen von Boulez: „Don“ aus „Pli selon pli“, dem großen Mallarmé-Zyklus für Sopran und Orchester aus der seriellen Phase um 1960, und, als introvertierter Nachklang, vom kurzen, zum Gedenken einladenden Ensemblestück „Mémoriale“ für Flöte und acht Instrumente.

Auch die beiden Solisten, die Sopranistin Yeree Suh und der Flötist Yi Wie Angus Lee, stammten selbstverständlich aus den Reihen der hier erstmals versammelten Luzerner Alumni. Bemerkenswert an der Wiedergabe von „Mémoriale“ war der subtil austarierte Schönklang. Er verriet eine große Vertrautheit der jungen Musiker mit der Ästhetik ihres verstorbenen Mentors und korrigierte gleichsam nebenher auch das einseitige Bild vom Bilderstürmer und trockenen Strukturalisten Boulez, das jahrzehntelang in der Öffentlichkeit herumgereicht wurde.

Das Konzert war Erinnerung und Ausblick zugleich, und in der Konstellation des Augenblicks wurde konkret erfahrbar, was Wolfgang Rihm in seiner frei gehaltenen Gedenkrede erwähnte: Für den institutionell denkenden und handelnden Künstler Pierre Boulez waren Institutionen nie bürokratische Einrichtungen, sondern schöpferische, in die Zukunft hineinwirkende Kraftzentren. Das gilt für die Lucerne Festival Academy, seine letzte und vielleicht nachhaltigste Gründung, und es gilt auch für das kurzfristig zusammengestellte Alumni-Orchester der Lucerne Festival Academy, als dessen postumer Spiritus rector Boulez jetzt noch einmal unsichtbar, aber für alle spürbar präsent war.

Das neue Unternehmen ist kein festes Orchester, sondern eine fluktuierende Struktur. Es baut auf den Aktivitäten der Festival Academy auf und erweitert deren Wirkungskreis ins Globale. Das mag überambitioniert klingen, entspricht aber der Realität. Ermöglicht wird das durch den Einsatz heutiger Kommunikationstechniken, genauer: die Kombination von Datenbank und Internet. Aus den Akademisten, die jedes Jahr für zwei Wochen harter musikalischer Arbeit in Luzern zusammenkommen, ist im Laufe der Zeit ein Pool von mehr als tausend jungen, über alle Welt verstreuten Alumni entstanden. Sie haben den künstlerischen Geist der Lucerne Academy bewahrt und geben ihre Erfahrungen in ihrem Lebensumfeld weiter. Jetzt stehen sie über eine Intranet-Webseite miteinander in Kontakt, und über eine zentrale Datenbank sind sie jederzeit erreichbar.

Nur so war es nun auch möglich, innerhalb von sechs Wochen im Hauruckverfahren dieses hundertvierzehnköpfiges Alumni-Orchester mit Teilnehmern aus vier Kontinenten für das Luzerner Gedenkkonzert zu mobilisieren. Das logistische Meisterstück dient als Blaupause für ähnliche Projekte andernorts, wobei lokal ansässige Alumni jeweils den Kern der wechselnden Ensembles bilden sollen. Die Rede ist von Konzerten in Fernost und Amerika, konkret festgemacht sind bereits drei Konzerte in New York im Rahmen der NY Phil Biennial. Alan Gilbert wird dirigieren.

Nach der Beteiligung am „Räsonanz“-Projekt, mit dem internationale Sinfonieorchester zur vermehrten Aufführung zeitgenössischer Werke motiviert werden sollen, tritt das Lucerne Festival nun gleich ein zweites Mal innerhalb eines Monats als Taktgeber für eine neue Orchesterkultur des 21. Jahrhunderts hervor. Dass es einmal Sitz eines veritablen Datenbank-Orchesters mit weltweiter Ausstrahlung sein könnte, war bis vor kurzem noch undenkbar. Möglich ist die waghalsige Verbindung von Big Data und künstlerische Kompetenz nur aufgrund der musikalischen Gleichgestimmtheit aller Beteiligten – und dank des Samenkorns, das Boulez mit der Gründung der Akademie gelegt hatte.

Max Nyffeler

Eine erweiterte Version ist in der FAZ vom 30.2.2016 erschienen.

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