Wilhelm Killmayer als Liedkomponist

Killmayer CDDer im August 2017 einen Tag vor seinem 90. Geburtstag verstorbene Wilhelm Killmayer war für die Avantgardisten in Darmstadt und anderswo lange der Fortschrittsfeind Nummer eins; seine mit klugen Argumenten untermauerte Skepsis gegenüber dem materialbezogenen Fortschrittsdenken machte ihn in ihren Augen zum einem störrischen Grantler aus dem fernen Bayern, der sich quer zum Zeitgeist stellte.

Killmayers Klavierlieder aus den Jahren 1983-96 über Texte von Hölderlin, Eichendorff, und Trakl – die letzten beiden liegen nun als Ersteinspielung vor – sind zwar bereits in der grenzenlos toleranten Hochphase der Postmoderne entstanden, doch zeigt sich hier das einstige Provokationspotenzial seiner Musik noch einmal in aller Deutlichkeit. Die romantische Welt Eichendorffs wird mit syllabisch einfacher Diktion und einer minimalistischen Klavierbegleitung beschworen, die vielen Pausen dienen als Resonanzraum für das gesungene Wort.

Vor verbrauchten Begleitfiguren scheute Killmayer ebenso wenig zurück wie vor Dreiklängen. Diese sind allerdings aus dem Funktionszusammenhang der traditionellen Harmonik herausgelöst und entfalten ein farblich-emotionales Eigenleben in Gestalt einer unsentimentalen, durch Konstruktion seltsam verfremdeten Nostalgie. Das 19. Jahrhundert erscheint plötzlich in neuem Licht.

Ähnlich die Hölderlin-Lieder, deren einfache, sprachbetonte Deklamation mit Nachdenklichkeit gesättigt ist. In den Trakl-Liedern entfernt sich Killmayer etwas von seiner eingängigen Syntax und führt die Stimme bis in die extremen Lagen, ohne sich indessen vom geglätteten, entspannt wirkenden Schönklang zu verabschieden. Markus Schäfer, am Klavier begleitet von Siegfried Mauser, ist mit seiner intonationssicheren, lyrisch weichen Tenorstimme ein idealer Interpret dieser schnörkellos einfachen Gesänge.

Wilhelm Killmayer: Sommersneige. Wergo 7351 2 (1 CD)

Eine leicht veränderte Version dieses Textes ist auch in der Zeitschrift Opernwelt 2/2018 erschienen.

 

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