Post-Westlich

„Russia’s foreign minister calls for ‘post-West world order’ in speech to global leaders“, titelte jüngst der britische „Independent“ über den russischen Außenminister Sergej Lawrow. Die schlagwortartig verkürzte Aussage kann man auf newsfront.info ausführlicher nachlesen. Demnach sagte Lawrow: „Die Welt wird objektiv post-westlich. Der Moderne ist es nicht gelungen und wird es auch nicht gelingen, und man muss sich daran gewöhnen, dass die Welt multipolar wird, und dass vor allem die führenden Spieler ihre kollektive Verantwortung für die Welt und Stabilität erkennen und in der Praxis umsetzen müssen.“ Und weiter: „Ich meine damit Westeuropa, die USA, Australien, Neuseeland, also den historischen Westen, der bereits seit Jahrzehnten die erste Geige bei internationalen Angelegenheiten spielte.“ Mittlerweile, so Lawrow, sei es aber zur „Entstehung neuer Machtzentren gekommen“.

Das Zitat ist zwar holprig, aber zweifellos zuverlässig übersetzt, denn im Impressum von newsfront.info heißt es: „Wir, die Nachrichtenagentur ‚NewsFront’ sind freiwillige Kämpfer des Informationskrieges, die tapfer gegen zynische Lügen, Argwohn, Manipulation und Desinformation kämpfen. Also gegen die Art Massenvernichtungswaffen, mit der der Westen gegen uns alle den Raub- und Kolonialkrieg neuen Typs führt.“

Das ist ganz große Weltpolitik. Doch interessant für uns kleine Kulturmenschen ist, dass der russische Außenminister mit „post-westlich“ einen Begriff benutzt, der heute auch im Kultursektor Karriere macht. Womit wieder einmal klar wird, dass Kultur heute nicht mehr das Gute, Wahre und Schöne meint, sondern als Waffe im globalen Informationskrieg eingesetzt wird. Die Post-Westler zielen gegen die als westlich verstandene „Moderne“ und setzen ihr eine neue „Multipolarität“ entgegen, sie denunzieren den „historischen Westen“ als Kolonisatoren und sehen „neue Machtzentren“ am Entstehen.

Eine ähnliche Frontenstellung mit zum Teil fast wörtlicher Übereinstimmung ist heute auch in kulturellen Debatten bei uns zu beobachten. „Staging the End of the Contemporary“ hieß zum Beispiel eine Diskussionsrunde bei der diesjährigen Berliner MaerzMusik (die Originalsprache war Englisch), in der es um eine radikale Kritik an der westlich verstandenen Moderne geht: „Decolonizing contemporaneity, they argue, is a necessary step in the opening of ‚a world in which many worlds fit.’“ Die Moderne als zivilisatorisches Projekt des Westens habe ökonomische und institutionelle Systeme durchgesetzt, spezifische Formen der Subjektivierung sowie einen durch den Zeitbegriff der Moderne geprägten Weltbezug etabliert. Eine „dekoloniale Ästhetik“ dagegen stehe unter dem Zeichen einer Rückkehr, es gehe dabei um eine kämpferische Transformation der Gegenwart aus dem Blickwinkel dessen, was auf der Strecke geblieben sei. Die Dekolonisierung des (westlichen) Zeitbegriffs sei ein notwendiger Schritt hin „zur Öffnung einer Welt, in der viele Welten Platz finden“.

Das klingt alles sehr vernünftig und nach moralischer Verantwortung für jene Gesellschaften, die dem Individuum nicht dieselben Entfaltungsmöglichkeiten bieten können wie die westlichen. Doch Kulturtheorie ist kein humanistisches Kaffekränzchen mehr – das macht Sergej Lawrow auf dankenswerte Weise deutlich. Sie wird zum Spielball im Kampf um Macht und die Zerstörung von Macht, wobei aus Sicht der Postwestler die unattraktive Rolle des zu zerstörenden Karthago eindeutig uns zufällt. Man sehe sich deshalb vor, auf wessen Hochzeit man tanzt.

Es ist ohnehin fraglich, ob der neue militante Antikolonialismus tatsächlich aus der Mitte der unterprivilegierten Massen kommt, oder ob es sich nicht eher um die Losungen medienaffiner Intellektueller aus den oberen Gesellschaftsschichten von Berlin und Paris bis Dakar handelt, freundlich beobachtet durch Politprofis wie Lawrow. Außerdem: Der Ruf nach Polyzentrismus ist keineswegs neu. Im Unterschied zu heute war er früher allerdings nicht mit revolutionärem Hass imprägniert, sondern auf Toleranz und ehrlichem Interesse für die andere Kultur gebaut.

Zugegebenermaßen schwang da stets etwas von der Naivität des westlichen Kulturbürgers mit, der sich seiner Überlegenheit sicher fühlte. Doch jemand wie Olivier Messiaen hat vermutlich mit seiner Musik mehr für die Völkerverständigung getan als die heutigen Antikolonialisten mit ihrer spalterischen Ideologie. Oder die europäischen Musiker wie Koellreutter, Widmer, Smetak oder Klose, die sich in den 1950er Jahren in Salvador niederließen, um an der neu gegründeten Universität zu unterrichten: Die Compositores da Bahia, die eine eminent brasilianische Spielart der neuen Musik schufen, wären ohne sie nicht denkbar. Die Liste ließe sich endlos verlängern. Auch auf organisatorischer Ebene hat die „Dekolonisierung“ schon vor Jahrzehnten stattgefunden, indem die Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) sich den Sektionen aus den Schwellenländern vorbehaltlos öffnete. Was lernen wir daraus? Die praktischen Musiker sind den post-westlich argumentierenden Theoretikern meist meilenweit voraus. Und vor allem haben sie es nicht nötig, im Windschatten von Herrn Lawrow zu segeln.

Max Nyffeler

Die Printversion dieser Kolumne ist in der Neuen Musikzeitung Nr. 4/2017 erschienen.

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