„My Melodies“ von Helmut Lachenmann

„My Melodies“ heißt das lang erwartete Werk von Helmut Lachenmann. Nach annähernd zwei Jahrzehnten gedanklicher Virulenz, mehrfach verschobenen Uraufführungsterminen und schließlich zwei intensiven Arbeitsjahren konnte der fast dreiundachtzigjährige Komponist nun die Früchte seiner Arbeit ernten. Unter der Leitung von Peter Eötvös erfuhr das monumentale, über halbstündige Werk für acht Hörner und großes Orchester  im zweimal fast ausverkauften Münchner Herkulessaal am 6. und 7. Juni 2018 seine vom Publikum begeistert aufgenommene Doppelpremiere.

Helmut Lachenmann mit Peter Eötvös, UA-Dirigent von "My Melodies"
Helmut Lachenmann mit Peter Eötvös, Dirigent der UA von „My Melodies“

Der Andrang war bemerkenswert, aber nicht ganz unerwartet, ist Lachenmann in der öffentlichen Wahrnehmung doch im Laufe Zeit vom verhöhnten und von den Orchestern wegen der ungewöhnlichen Spielweisen gefürchteten „Geräuschmusiker“ schrittweise zu einem der einflussreichsten Komponisten der Gegenwart avanciert. Die für ungeübte Ohren oft provokant wirkende Oberfläche seiner Werke hat ihren Schrecken verloren, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt die musikalische Substanz.

Auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, seit den frühen Nachkriegsjahren das Stammorchester der Musica Viva, hat seine einstige Scheu längst abgelegt und stellte nun seine ganze Kraft in den Dienst des herausfordernden Werks. Hier erläutert die Geigerin Nicola Birkhan einige der Streichertechniken, die der Komponist mit ihnen eingeübt hat.

Auch die von der Dirigentin Hildegard Schön vorab sorgfältig einstudierte Gruppe der acht Hörner bestand aus ganz normalen Orchestermitgliedern.

Wer aufgrund des Titels von Lachenmann nun ein opulentes Festmahl an Melodien erwartet hatte, wurde natürlich enttäuscht. Melodien, so betonte er einmal mehr im Gespräch, das am Tage der Uraufführung in dieser Zeitung erschien, sind nicht seine Sache. Sie sind für ihn zu direkte Träger von unbearbeiteten Emotionen – eine Angelegenheit vielleicht für Verdi & Co., aber nicht für den schwäbischen Protestanten Lachenmann.

In „My Melodies“ erscheinen einzelne melodische Elemente gleichsam verschämt eingebettet in den dichten Orchestersatz oder auch als Projektion von Schönbergs Idee der Klangfarbenmelodie auf die Welt der Geräusche. In den kollektiven Soli der Hörnergruppe wird diese Welt einige Male mit breitem Pinsel ausgemalt, wobei es zu faszinierenden Farbwirkungen kommt. Darin zeigt sich eine wenig beachtete Seite von Lachenmanns Ästhetik: Er ist im Grunde genommen ein Harmoniker. Er denkt in Zusammenklängen, selbst da, wo sie aus komplexen Geräuschstrukturen bestehen, in geschichteten Klangflächen und Nachhallstrukturen, aber nicht in Linien.

Die Horngruppe ist in das Orchester eingebunden

„My Melodies“ beginnt tumultuös mit einem Orchestertutti als kreatives Chaos, gleißend hell und zugleich dumpf-abgründig eingefärbt, woraus sich langsam ein mikrotonal schwankender, penetranter Hornton herausschält, und es endet mit ruhigen Atemgeräuschen der Horngruppe, umgeben von einem zarten Schleier der Streicher in hoher Lage. Mit wenigen Ausnahmen, in denen sie als Klangfarbenkollektiv solistisch hervortreten, sind die Hörner stets in den komplexen Orchesterklang eingebunden und erzeugen mit ihrer charakteristischen Klanglichkeit einen einzigartigen Resonanzraum von weiten Dimensionen. Nicht nur die materiale Wucht des unerhört reichhaltigen Werks, auch die Erschließung neuer Dimensionen des Raumklangs gehört zu den starken Eindrücken dieser denkwürdigen Uraufführung.

Neben „My Melodies“ erklangen an diesem Abend im Münchner Herkulessaal zwei weitere Werke von Helmut Lachenmann. Einleitend spielte Pierre-Laurent Aimard  das rund halbstündige Klavierstück „Serynade“, das durch eine gezielte Mikrofonierung, die jedes Nachhallgeräusch im Inneren des Instruments riesenhaft vergrößerte, einen völlig neuen Charakter erhielt. Dann folgte das zu Beginn dieses Jahres uraufgeführte Orchesterpfundswerk der „Marche fatale“, wo sich der Komponist tatsächlich melodisch austobt, wenn auch unter dem Deckmantel der Parodie. Ein Paradox wie vieles bei Lachenmann, der damit einmal mehr zeigt, wie man Widersprüche in der Schwebe hält.

Ein Interview in Bildern mit Lachenmann von Astrid Ackermann
Musica viva

Dieser Text ist als Teil eines längeren Artikels auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.6.2018 erschienen.

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