Und wenn jetzt Helmut Lachenmann melophob wäre?

Dies ist eine kleine Betrachtung über Helmut Lachenmann, seine teilweise Abkehr vom Geräusch und sein Verhältnis zur Melodie.

Routine ist der Tod jeder Kunst, auch und gerade dort, wo sie gegen eingeschliffene Wahrnehmungsgewohnheiten rebelliert. Das erkannte schon Strawinsky, als er nach dem epochalen Paukenschlag seines „Sacre du printemps“ nicht dem vermeintlichen Erfolgsrezept „Mehr vom Gleichen“ verfiel, sondern sich zunehmend Kleinbesetzungen zuwandte und auf die neoklassizistische Linie einschwenkte. Luigi Nono schaffte 1980 den Absprung in neue kreative Gefilde, indem er auf die lange politisch-revolutionäre Phase sein Hölderlin-Streichquartett folgen ließ und damit sein Spätwerk einleitete.

Auf ähnliche Weise ist auch Helmut Lachenmann der Routine entkommen. Jahrelang hatte er sich mit den Schattenseiten des „schönen Tons“ beschäftigt und den Instrumenten lauter Geräusche und Geräuschklänge entlockt – ein Tabubruch und zugleich Kritik an einem Schönheitsbegriff, der nach dem Missbrauch der großen klassischen Werke im Nationalsozialismus leer und unglaubwürdig geworden war.

Und dann muss er eines Tages erschreckt feststellen, dass er ungebetene Nachahmer hat: In den Kompositionsunterricht an den Hochschulen hält der „Lachenmann-Stil“ Einzug, das ehemals skandalöse Schaben auf den Saiten und tonlose Blasen in die Mundstücke ist zum approbierten Merkmal kompositorischer Fortschrittlichkeit verkommen. Die Kritik an der Gewohnheit ist selbst zur Gewohnheit geworden.

Nun war es für Lachenmann höchste Zeit, sich vom zweifelhaften Ruf eines Geräuschpapstes zu befreien, und er begann sich schrittweise mit der lange vernachlässigten Melodie zu befassen. Auch das ein Tabubruch, diesmal mehr persönlicher Art, hatte doch Melodie für den schwäbischen Pastorensohn stets etwas ungemütlich Magisches, dem er  mit kritischem Verstand zu Leibe rücken wollte. Eine Art intellektueller Gegenzauber? Die Abwehr saß tief, denn um 1960 hatte ihm schon sein Lehrer Nono eingeschärft: „Melodie ist eine bourgeoise Angelegenheit.“ So etwas macht misstrauisch.

Daran hat sich nun Anfang Mai Lachenmann in einem langen und windungsreichen Gespräch mit Michael Krüger in München erinnert, knapp einen Monat vor der Uraufführung einer neuen Komposition für acht Hörner und Orchester. Der Titel des neuen Stücks: „My Melodies.“ Details gibt Lachenmann nicht preis, doch er will offenbar dem Löwen mutig in den Rachen greifen. Einen Befreiungsschlag hat er schon zum Jahresbeginn gelandet, mit der abgründig-parodistischen „Marche fatale“ für großes, lautes Orchester, und hat damit seine noch immer geräuschfixierte Anhängerschaft in größte Verwirrung gestürzt. Routine sieht jedenfalls anders aus.

„Marche fatale“, ein Meisterstück an Kompositionstechnik, stilistischer Wendigkeit und Humor

Mit dem Alter betrachtet Lachenmann das musikalische Geschehen aus zunehmender Distanz, wenn auch keineswegs desinteressiert. Der Humor, eine unterschätzte Triebkraft seines Komponierens, tritt nun deutlicher hervor, und mit zweiundachtzig scheint er sich die Altersweisheit aus der Schlussfuge von Verdis „Falstaff“ zu eigen gemacht zu haben: „Tutto nel mondo è burla“ – alles ist Spaß auf Erden. Die „Marche fatale“ lässt etwas davon anklingen.

Wie es nun wohl weitergeht? Nach dem 7. Juni, dem Tag der Uraufführung von „My Melodies“, wissen wir mehr.

Eine  kürzere Printversion dieses Textes ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7.5.2018 erschienen.

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