„Stilles Meer“ von Toshio Hosokawa als Videoaufzeichnung

Die Oper „Stilles Meer“ von Toshio Hosokawa, deren Handlung vor dem Hintergrund der Tsunami- und Atomkatastrophe von 2011 in Fukushima spielt, ist nun in der Hamburger Uraufführungsversion auf DVD erschienen. Die Statik der Szene hat schon auf der Theaterbühne erstaunlich gut funktioniert (Bericht), und auch auf dem Bildschirm kippt sie nicht in Spannungslosigkeit um. Das  Bühnenbild von Itaru Sugiyama fesselt den Blick mit einfachen, starken Zeichen, und mit seiner kreisrunden Spielfläche und dem ins Off führenden Steg, der eine Verbindung vom Diesseits ins Jenseits darstellt, knüpft es an die Tradition des japanischen Theaters an.

Ein weiteres japanisches Element steuert die Regie von Oriza Hirata bei, der seine Figuren das weite Bühnenbild in gemessenen Bewegungen abschreiten lässt, was dem Ganzen einen ritualhaften Zug verleiht. Die vibrierende Weite von Raum und Zeit wird durch Hosokawas ausdrucksstarke, fein ausdifferenzierte Klangprozesse mit Leben erfüllt.

Statische Szenerie

Zunächst passiert fast nichts. Man hört nur minutenlanges Meeresrauschen, während langsam einige stumme Fischersleute auf die Bühne kommen und eine kleine Robotergestalt mit künstlicher Stimme verkündet: „Sie befinden sich in der sicheren Zone.“ Das Meer, für Japaner ein lebensspendendes Symbol zeitlosen Seins, ist unvermittelt zum Feind geworden.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Geschichte von der Mutter, die nicht wahrhaben will, dass ihr Kind ertrunken ist und nicht mehr zurückkommt. Während die erste Hälfte mit ihrem Daueraffekt der Trauer und ihrem stummen Schrecken fast ereignislos in sich kreist, entwickelt sich nach etwas zwei Dritteln plötzlich ein dramatischer Sog. Durch die Beschwörung eines alten japanischen Rituals wird die Mutter aus ihrem Wahn erlöst und ist nun auch fähig zur Trauer.

In „Stilles Meer“ begegnen sich  West und Ost

Die Sängerbesetzung hat standesgemäßes Staatsopernniveau, der Chor setzt eindrucksvolle Akzente, und die musikalische Leitung liegt bei Kent Nagano in sicheren Händen. In einigen Details zeigen sich aber doch Inkongruenzen zwischen westlicher und fernöstlicher Theaterpraktik. Bei den Sängern wird die stoische Handlungsarmut gelegentlich durch einen psychologisierenden Gefühlsausdruck überkompensiert, der aus dem Gesamteindruck herausfällt und bei Bejun Mehta, dem prominentesten Solisten, sogar etwas weinerlich wirkt. Besser zum japanisierenden Gesamtkonzept passt die maskenhaft strenge Mimik der auch stimmlich beeindruckenden Altistin Mihoko Fujimura. Auch Susanne Elmark in der Hauptrolle der Claudia findet eine gute Balance zwischen dramatischem Ausdruck und emotionaler Beherrschung.

Hosokawas Oper „Stilles Meer“ konfrontiert uns mit unverrückbar scheinenden Gemütszuständen, Totenritualen, mit einer imaginierten Geisterwelt und einer begehbaren Brücke zum Jenseits – Bilderwelten, die unserem Kunstverständnis weitgehend fremd sind. In der Live-Situation des Theaters kann man sich in sie besser hineinfühlen als im realistischen Medium des Films. Doch auch der Film vermag uns etwas von der entfernten Kultur zu vermitteln, von ihrem Menschenbild und ihren Auffassungen von Natur und Jenseits. Das regt auch zu einem vertieften Nachdenken über die eigenen kulturellen Voraussetzungen an. Einmal mehr öffnet der Blick nach Fernost den Horizont.

Toshio Hosokawa: Stilles Meer. EuroArts 2072998 (1 DVD)

 

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