Gespräch mit Hugues Dufourt

Hugues Dufourt über seine Doppelkarriere als Komponist und Philosoph, über die technologische Revolution und die antike Malerei

Hugues Dufourt, Sie sind in Lyon aufgewachsen und haben in Genf und Paris Musik und Philosophie studiert. Als Komponist und als Forschungsleiter im Bereich der Philosophie und später auch der Musik am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) haben Sie dann eine Doppelkarriere gemacht. Haben Sie jemals daran gedacht, das Komponieren zugunsten der Wissenschaft aufzugeben?

Hugues Dufourt
Hugues Dufourt

Nein, nie. Seit meinem fünften Altersjahr wollte ich Komponist werden. Mein Großvater, bei dem ich während des Kriegs lebte, war Schriftsteller und ein großer Stilist. Mein Vater war Philosophieprofessor. Zu Hause gab es die Musik, die Violine und das Klavier. Aber auch die Malerei und viel Philosophie. So war mein doppelter Weg von Anfang an vorgezeichnet.

Sie haben viel akustisch-musikalische Forschung betrieben. Kamen Sie dazu mehr durch ihre wissenschaftliche oder durch ihre kompositorische Tätigkeit?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Als ich zehn war, kam ich in Lyon mit einem bedeutenden Mäzen der zeitgenössischer Musik in Kontakt und befand mich gleich mittendrin im professionellen Milieu. Die Partituren von Boulez lernte ich fast vor denjenigen von Beethoven kennen. Komposition war also auf jeden Fall der Hauptantrieb. Auf der anderen Seite hatte ich einen Appetit danach, die Welt zu verstehen, und in meiner Ausbildung kam ich mit großartigen Wissenschaftsphilosophen in Kontakt. Sie haben mich gelehrt, dass die mentalen Prozesse beim wissenschaftlichen und künstlerisches Schaffen grundsätzlich gar nicht so verschieden sind, auch wenn man sie natürlich nicht verwechseln sollte.

Das hat auf Ihr Musikverständnis abgefärbt.

Natürlich. Mit der Entwicklung der Elektronik, in den sechziger Jahren, war die Welt der Musik ohnehin völlig im Umbruch. Für mich war klar, dass es sich hier um den Ausdruck einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Revolution handelte. Das rief nach eine neuer Praxis und Theorie der Musik.

Damit kommen wir zur sogenannten Musique spectrale, an deren Entstehung Sie in den siebziger Jahren als Mitglied der Komponisten- und Interpretengruppe „L’Itinéraire“ wesentlich beteiligt waren. Hugues Dufourt, was ist der Spektralismus?

Kurz gesagt: Eine Musik, die auf der Klanganalyse durch den Computer beruht, die aber – wie die meine – nicht unbedingt durch den Computer erzeugt werden muss. Der Computer veränderte alle Maßstäbe, und daraus ergab sich auch eine neue Sprache. Früher arbeiteten die Komponisten mit dem Klang der Instrumente, jetzt aber mit dem mikroskopischen Detail des Klangs.

Die serielle Musik war eine Fortsetzung von Schönbergs Zwölftontechnik. Wenn man nach Anknüpfungspunkten für Ihre Musik sucht, fällt einem am ehesten Edgard Varèse ein.

Er hat mich sehr stark beeinflusst. Ich habe ihn auch direkt erlebt. In Genf, wo ich studierte, machten wir ein Konzert am Radio mit „Déserts“. Das Stück hatte zuvor in Paris einen Riesenskandal verursacht. Mein Lehrer Jacques Guyonnet leitete die Aufführung. Als am Abend niemand in der Lage war, die elektronischen Zuspielungen auszusteuern, verpflichtete er kurzerhand mich. So habe ich „Déserts“ kennengelernt.

Und wo sind Ihre Anregungen durch die Wissenschaft festzumachen?

Unter anderem beim Wissenschaftsphilosophen Gaston Bachelard, dessen Schrift „Le Pluralisme cohérent de la chimie moderne“ ein geniales Kapitel über die Spektren enthält. Nach ihm sind die Spektren das Signum der Welt schlechthin. Das musikalische Material ist für mich keine zu bearbeitende Substanz, sondern das Produkt ihrer widersprüchlichen Bestimmungen. Das führt zu einer absolut instabilen Klangmaterie, bei der alles in Bewegung ist.

Wie würden Sie ihre Musik charakterisieren?

Ganz generell als genetischen Dynamismus. Diesen Ausdruck habe ich übrigens vom deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Meine Musik hat natürlich noch andere Horizonte, selbstverständlich französische. Aber die deutschen Philosophen haben mich stark geprägt: Fichte, Schelling, Hegel, auch Spinoza. Ich habe auch viel von Goethe und den Romantikern gelesen.

Bezüge zur deutschen Kultur sind in Ihren Werken oft vorhanden. Eines Ihrer Klavierstücke heißt „Erlkönig“. Hier gibt es aber keinerlei Ähnlichkeit mit Schubert, sondern fast eine halbe Stunde lang nur erstarrte, brutale Akkorde.

Goethe schildert hier eine schreckliche Szene, und Schubert hat das auf seine Weise umgesetzt. Nach Freud, der für mich einen Bruch in der Rezeption der Romantik darstellt, musste man es anders machen. Bei der eingefrorenen Statik meiner Akkorde schwebte mir ein Bild der Bedrohung und des Schreckens vor, wo es keinerlei Bewegung mehr gibt.

Der neunte Kreis der Hölle bei Dante.

Voilà.

Manche Titel Ihrer Kompositionen beziehen sich auf Werke der bildenden Kunst, was nach Programmmusik aussieht. Doch Ihre Musik erzählt keine Geschichten. Dafür entfaltet sie einen ungeheuren Reichtum an Farben.

Ich illustriere nichts. An der Geschichte der Malerei fasziniert mich, dass jede Epoche ihre spezifische, einmalige Farbe besitzt. Nehmen Sie zum Beispiel die römische Malerei, wie man sie aus Pompeji kennt, mit ihrer wunderbaren Feinheit und Transparenz, ihrer Erotik: So etwas ist unwiederholbar. Die Malerei ist der Musik dabei technisch voraus. Während die Musik an jahrhundertealte Techniken des Instrumentalspiels gebunden ist, ist die Malerei flexibler, sie kann psychische Regungen unmittelbar ausdrücken. Die Farbe, vor allem wenn sie sich von der Rhetorik der Darstellung emanzipiert hat, steht als Ausdrucksmittel in einer innigen Verbindung mit der menschlichen Existenz. Das ist für mich eine starke Inspirationsquelle.

Das Interview mit Hugues Dufourt wurde am 3. März 2016 in Paris geführt. Printveröffentlichung im Festivalkatalog des Bonner Beethovenfestes 2016.

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