Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, getanzt

Die Inszenierung durch Jiři Kylián präsentiert sich als kleines mediales Gesamtkunstwerk

Jiri Kylian Strawinsky CoverDas visuelle Drum und Dran, also der informative Vorspann, ist für einen Film nicht ganz unwichtig, und da fehlt es bei den klassischen Musikfilmen noch häufig an Fantasie. Bei einer DVD oder Blu-ray Disc (BD) muss man in der Regel zunächst eine langweiligen Folge von bewegten Firmenlogos, gespickt mit englischen Copyright-Verboten, über sich ergehen lassen, und bei Opernaufnahmen geht es dann weiter nach dem Schema: Außenansicht des Opernhauses, Innenansicht des Opernhauses, hüstelndes Publikum, Auftritt des Dirigenten, Beginn der Ouvertüre, dazu die abrollende Titelei. Tödliche Rituale aus der Sicht des Zuschauers.

Dass es auch anders geht, zeigt die Veröffentlichung von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, inzeniert 1988 durch Jiři Kylián, den damaligen Choreografen des Nederlands Dans Theater. Der Film ist nun auf einer BD erschienen und nimmt nicht nur durch die erfindungsreiche Inszenierung, sondern auch durch den besagten Vorspann, für sich ein. Die für die Edition Verantwortlichen, die Firma RM Arts und das Nederlands Dans Theater, präsentieren die Produktion nämlich auf erfrischend kreative Weise und machen aus Vorspann und Film ein kleines mediales Gesamtkunstwerk.

Als erstes, noch vor dem Titelmenü, wird man mit einem kurzen Clip aus einer Bühnenproduktion von Kyliáns Truppe mit japanischen Musikern konfrontiert – ein hinreißender Appetizer für das Kommende. Das Titelmenü wird sodann unterlegt mit einigen Zeilen aus dem scharf rhythmisierten Sprechpart des Teufels, dazu erblickt man in einem kleinen Fenster die zugehörige Szene. Ohne jegliche Erklärung weiß man schon intuitiv, was einen erwartet. Die Neugierde ist geweckt, und was folgt, fesselt die Aufmerksamkeit vom ersten bis zum letzten Bild.

Die Story selbst wird von den Tänzern mit akrobatischer, musikgenauer Präzision erzählt. Kiliáns akribisch einstudierte, temporeiche Bewegungsabläufe produzieren Momente von burlesker Komik. Er macht damit am Stück die scharfkantigen Umrisse eines Jahrmarkt- und Kasperletheaters sichtbar, was seinem Ursprung ja durchaus nahekommt.

Die Bühne ist kahl, wenige zeichenhafte Requisiten werden wie mit Zauberhand eingeführt und verschwinden wieder, in den erzählenden Partien werden gelegentlich Einsprengsel von realistischen Geräuschen zugespielt. Die Videoregie von Torbjörn Ehrnvall ist auf die Choreografie perfekt abgestimmt und wird in den dramatisch entscheidenden Momenten zu einem ebenbürtigen Teil der Inszenierung. Bühnen- und Medienrealität verschwimmen. Ein Effekt, der mit den neuen digitalen Werkzeugen für Aufnahme und Postproduktion möglich geworden ist und der viele heutige Ballett- und Tanzfilme auszeichnet. Insgesamt ein vor Ideen sprühender, tänzerisch brillanter und aufnahmetechnisch tadellos gemachter Film, der mit dem spektakulär inzenierten Absturz des Soldaten in die Hölle endet. Nur eine Frage lässt er offen: Wo bleibt der zu diesem Schluss gehörende „Marche du diable“?

L’histoire du soldat. Choreografie von Jiři Kylián, Nederlands Dans Theater 1988. Arthaus 108 134 (1 BD)

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