Fernsehen und Musik, wieder einmal

Hier sind künftig auch die Kolumnen zu lesen, die alle paar Monate unter dem Titel „Carte blanche“ in der „Schweizer Musikzeitung“ erscheinen; den Beginn macht dieser Kommentar zur Problembeziehung Fernsehen und Musik aus der Ausgabe 4/2018.

Musik ist eine reine Hörkunst, so glaubt man und schaut im Konzert dann doch gebannt den Ausführenden zu, wie sie ihre Töne produzieren. In der Oper läuft ohne Sehen schon gar nichts, und bei den Rockkonzerten begegnet man sogar einer neuen Form von Gesamtkunstwerk: Klänge, Lightshow, Nebenschwaden, Illusion pur. Oder Youtube: Hier werden täglich Millionen von Musikvideos aufgerufen. Die audiovisuelle Musikwahrnehmung ist im Vormarsch, vor allem in den Medien, wo sich heute der Grossteil des Musikkonsums abspielt.

Auch im Bereich der sogenannt ernsten Musik wird immer mehr audiovisuell produziert. Bei der „Avant Première“, dem jährlich im Februar in Berlin stattfindenden Treffen der internationalen Musikfilmproduzenten, umfasste die Liste der Neuproduktionen diesmal sechshundert Titel von Jazz bis Klassik, Tendenz steigend. Langsam bildet sich so etwas wie ein digitales Gedächtnis unserer Kultur heraus. Was der Schriftsteller und französische Kulturminister André Malraux einst prophezeite, der Louvre der Zukunft sei audiovisuell, ist in greifbare Nähe gerückt. Die Fortschritte in der Aufnahme- und Speichertechnik machen es möglich.

Nun kann man mit gutem Grund anführen, dass die mediale Wiedergabe von Musik das Live-Erlebnis nie ersetzen kann, und dass die digitale Speicherung kein Ersatz ist für das menschliche Gedächtnis, das durch eine geistige Anstrengung Gegenwärtiges und Vergangenes miteinander verknüpft und nur so überhaupt erst Tradition möglich macht. Tatsache ist aber auch, dass die Medien immer stärker auf das reale Musikleben zurückwirken, und das nicht nur zum Nachteil der Musik.

Gerade was die gesellschaftliche Breitenwirkung der Klassik und damit die musikalische Bildung angeht, schlummert in den audiovisuellen Medien ein riesiges Potenzial, lassen sich damit doch auch komplexere Sachverhalte anschaulich vermitteln. Das reicht vom Musikerportrait im digitalen Spartenkanal mezzo.tv über die speziell für Schulen konzipierten Musikvideos des BBC-Fernsehens bis zum „Klassiker der Woche“, wie es etwa Susanne Kübler im „Tages-Anzeiger“ auf feuilletonistisch-lockere Weise praktiziert und dabei stets auf ein Youtube-Video Bezug nimmt.

Für die Informationsmedien ergeben sich daraus neue Herausforderungen, nicht zuletzt für das Fernsehen, das sich traditionell schwertut mit seiner kulturellen Verantwortung. Überall grassiert die geisttötende Einschaltquotenepidemie, die jede intelligente Vermittlung anspruchsvoller kultureller Inhalte erschwert, wenn nicht verunmöglicht. Deshalb kommt auch vom Leutschenbach bisher vorwiegend Mainstream ohne grossen Tiefgang.

Alternativlos ist das nicht, wie sich bei der Berliner Avant Première zeigte. Dort konnte RSI Lugano für die Präsentation seiner neuen Produktionen nämlich einen Preis einheimsen. Und SRF-TV? Hier ändert sich nun ja alles mit der bevorstehenden Reform! Kultur wird aufgewertet, und damit weht auch durch die Musikprogramme ein frischer Wind!

Wenn das nicht nur ein schöner Traum bleibt.

Printfassung: Schweizer Musikzeitung (SMZ) Nr. 4/2018, „Carte blanche“

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