Musikfilme: Die Avant Première 2018

Die Berliner Avant Première, das alljährlich im Februar vom IMZ Wien veranstaltete Treffen der Musikfilmproduzenten, Vertriebe und Sender aus der ganzen Welt, ist ein Ort, wo man Neues über die audiovisuellen Medien aus erster Hand erfahren kann. Zum Beispiel über technische Entwicklungen. Yasuko Kobayashi, Leitende Produzentin bei der japanischen Radio- und Fernsehgesellschaft NHK, erläuterte nun in Berlin die nächsten Schritte bei der weltweiten Durchsetzung der neuen 8K-Technik; im industriellen Konsortium, das diese Technik entwickelt, ist NHK  an erster Stelle für das weltweite Marketing zuständig. „Wenn sie demnächst in deutschen Städten einen großen Lkw vor einem Opernhaus stehen sehen, dann könnte der von uns sein“, sagte Frau Koyabashi vor den versammelten Fachleuten, um sie als Partner für das Großprojekt 8K zu gewinnen.

Vor einem Jahr hatte NHK bei der Avant Première bereits die Endstufe der 8K-Technik vorgestellt: Eine Riesenleinwand mit mikroskopisch scharfer Auflösung und ein Raumklang mit 22 Lautsprecherkanälen, Tieftöner nicht mitgerechnet. Man sitzt mitten drin und meint sich an Ort und Stelle des Live-Ereignisses zu befinden. Immersion pur. Das benötigt 16 Mal mehr Speicherplatz als das gerade erst auf den Markt drängende 4K-Verfahren. Noch 2018 sollen die ersten Bildschirme dazu marktreif sein, und bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio soll 8K die offizielle Aufnahme- und Übertragungstechnik werden.

Die Japaner sammeln nun auch kulturelle Inhalte – „Content“ – für die neuen Aufnahme- und Übertragungskapazitäten, und zu den Feldern, die sie beackern, gehört an erster Stelle das Musikleben Europas mit seiner Vielfalt und der potenten Musikindustrie. Die ersten 8K-Produktionen wurden jetzt bei der Avant Première vorgestellt, darunter eine Aufnahme mit dem NHK Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi mit Musik von Bach und Schostakowitsch sowie das „Nussknacker“-Ballett aus dem Mariinski-Theater St. Peterburg mit Valery Gergiev.

Der audiovisuelle Louvre
André Malraux

Der technische Fortschritt hat immer auch langfristige Konsequenzen für die Kultur selbst, nicht zuletzt bei der Speicherung. Die Prophezeiung des 1976 verstorbenen französischen Schriftstellers und Kulturministers André Malraux, der künftige Louvre sei audiovisuell, ist heute dank der digitalen Techniken keine Utopie mehr. Was Musik und Tanz angeht, so scheint das bereits weitgehend verwirklicht zu sein. Die Archive wachsen, und bei der diesjährigen Avant Première standen sechshundert neue Titel, eine Rekordzahl, im dicken Katalog – ein repräsentativer Querschnitt durch die Opernhäuser, Konzertsäle und Aufnahmestudios von San Francisco über Berlin bis Tokio.

Mit dabei sind stets auch Jazz, Rock und Ethnomusik, doch im Zentrum steht die europäische Klassik in allen Facetten. Eine Palestrina-Motette in der Sixtinischen Kapelle und die Recherche über die undurchsichtigen Rechtsverhältnisse um Ravels „Bolero“ – es geht um 2 Millionen Euro pro Jahr -, die norwegische Tanzversion eines Ibsen-Dramas und Alban Bergs „Wozzeck“: In der dichten Abfolge der Präsentationen wird plötzlich deutlich, was sich hinter Gemeinplatz von der Vielfalt in der Einheit verbirgt. Der gemeinsame Nenner heißt Europa.

Damit ist nicht Gleichmacherei gemeint, sondern ein geistiges Band, das die unterschiedlichen Kulturen zusammenhält. Ein einzigartiges Sinnbild für diese einst vollkommene Synthese findet sich in der Struktur der spätmittelalterlichen Vokalpolyphonie, wo sich die individuell ausdifferenzierte Einzelstimme bruchlos ins ästhetische Ganze einfügt. Eine Utopie in einer Zeit, da kulturelle Räume zu soziologisch definierten Subidentitäten zerbröseln und eine Kulturpolitik mittels Förderprogrammen neue Zusammenhänge zu stiften versucht. Im Zeit und Raum übergreifenden audiovisuellen Museum der Musikfilme blitzen solche Gedanken indes noch einmal auf.

Fernsehen und kulturelles Erbe

Mit Blick auf die heutige Medienpraxis ergibt sich daraus die Frage: Wie gehen wir mit unserem kulturellen Erbe um? In einer Diskussionsrunde mit Vertretern großer Medienanstalten schnitt Lothar Mattner, erfahrener Musikredakteur im WDR, diese Frage an. In seinem Plädoyer für qualitativ hochwertige Kultursendungen verwies er auf die nunmehr fast hundertjährige Geschichte der Musikproduktion durch die öffentlich-rechtlichen Sender und schloss er mit der Feststellung: „Future needs heritage.“ Sein Wort in der Intendanten Ohr. Anspruchsvolle Musiktermine werden ARD-weit reduziert und an Arte und 3Sat ausgelagert, und im Restbestand macht sich eine Tendenz zu quotenfreundlichen Produktionen mit den unternehmenseigenen Klangkörpern bemerkbar.

Was heute produziert wird, ist das Erbe für die Zukunft, und das kann nicht nur aus unser eigenen Rückschau und aus festlichen Klassikaufführungen mit dem üblichen Dutzend fernsehbekannter Dirigenten bestehen. Das heutige Schaffen müsste zumindest gleichwertig einbezogen werden, aber in der Phase der Neuorientierung, in der sich die Rundfunkanstalten gegenwärtigen befinden, scheint das aus dem Blickfeld zu geraten.

Folgen sie damit dem Vorbild der BBC, die ihre Musikprogramme immer enger an den ermittelten Zuschauerdaten ausrichtet? Immerhin wartet das britische Fernsehen zum Ausgleich immer wieder mit spektakulären Sendefolgen auf, für die auch ein schier unerschöpfliches Archivmaterial zur Verfügung steht. Die neueste Serie dokumentiert unter dem Titel „Tunes for Tyrants“ (Melodien für Tyrannen) die Rolle der Musik im Sowjetkommunismus und im Nationalsozialismus.

Prestigeprodukt Oper, vielfältiger Tanz

An Opernaufzeichnungen herrschte auch diesmal kein Mangel, doch die vielen Hochglanzproduktionen aus den prestigeträchtigen Orten von Salzburg über Covent Garden bis zur Met brachten wenig, was wirklich unter die Haut ging. Eine erfrischende Ausnahme machte die Aufnahme von Telmondis aus der Opéra de Lyon von Donizettis Buffa „Viva la Mamma“, einer virtuosen Persiflage auf den Opernbetrieb. In der Inszenierung von Laurent Pelly spielt Laurent Naouri die Hauptrolle mit umwerfender Komik.

Während die Oper in ihrem Hochpreissegment vor sich hin glänzt, erlebt der Tanz im Musikfilm seit einigen Jahren einen merklichen Aufschwung. Ist er doch die einzige Gattung, die nur mit den Mitteln des Film adäquat dargestellt werden kann. Zum fünfzigjährigen Jubiläum des „Stuttgarter Ballettwunders“ veröffentlicht Unitel als Neuproduktion die drei epochalen Ballette von John Cranko, „Eugen Onegin“, „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Romeo und Julia“. In letzterem ist auch die zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 2017 achtzigjährige Marcia Haydée in einer Nebenrolle zu sehen.

Auch im gemeinsamen Auftritt der nordeuropäischen und baltischen Länder unter dem Motto „Meet the North“ stand der Tanz an prominenter Stelle. Aus Norwegen kamen in Koproduktion mit der französischen BelAir Media zwei packende Tanzversionen von Ibsens „Gespenstern“ und „Hedda Gabler“, das Schwedische Fernsehen präsentierte mit Tänzern des Ballet de Lorraine das Tanzstück „Discofoot“, das Bewegungsmuster aus dem Fußball aufgreift und tänzerisch weiterspinnt. Zu den finnischen Beiträgen gehörte die Dokumentation „Rooted with Wings“ über das zwischen zelebrierender Schönheit und der Suche nach Transzendenz angesiedelte Tanztheater von Tero Saarinen.

Starken Eindruck hinterließen auch die Ausschnitte mit dem kraftvollen, Raum und Körper in eine spannungsvolle Beziehung setzenden Tanztheater des französischen Choreographen Angelin Preljocaj.

 

Neben dem Hauptprogramm mit den Screenings der Neuheiten ist die Avant Première auch immer ein Ort der Präsentation und Diskussion größerer Projekte. Henk van der Meulen, früheres Leitungsmitglied des IMZ und heute Leiter des Konservatoriums Den Haag, stellte ein dreitägiges Stockhausen-Projekt mit „Licht“ vor (Interview), und Barbara Hannigan machte in einer einstündigen Präsentation mit ihrem Mentoring-Projekt „Equilibrium“ bekannt (Ausschnitt). Ab kommendem Dezember wird sie zuerst in Göteborg und später noch in anderen Städten „The Rake’s Progress“ von Strawinsky konzertant dirigieren und dabei drei Nachwuchskräfte, die sie unter 350 Bewerbungen persönlich ausgesucht hat, mit einbeziehen. Damit gibt sie erstmals ihre Erfahrungen an den sängerischen Nachwuchs weiter, und die drei Auserwählten, die nun in kurzen Live-Auftritten eindrucksvolle Proben ihres Könnens ablegten, waren der lebendige Beweis für die Richtigkeit ihres Wegs.

Städte-Marketing mit Beethoven

Einen interessanten Einblick in die heutigen Methoden des Kulturmarketings gab ein Abgesandter der Stadt Bonn, der über die Aktivitäten zum „Beethovenjahr 2020“ referierte. Dann jährt sich nämlich der Geburtstag des Komponisten zum zweihundertfünfzigsten Mal. Aus der Tatsache, dass Beethoven in Bonn geboren wurde, wollen die Verantwortlichen möglichst viel für ihre Stadt herausholen. Städtemarketing nennt sich das.

In Bonn ist man sich bewusst, dass man es mit Musikmetropolen wie Paris, Berlin oder gar Wien nicht aufnehmen kann. Deshalb wurde jetzt eine Medienkampagne lanciert, die den Ruhm Bonns als „Beethovenstadt“ in alle Welt hinaustragen soll. Der Komponist wird als eine Art Vordenker für die Lösung der heutigen Menschheitsprobleme promotet, wobei natürlich die Dividende des Unternehmens den schlauen Bonnern zufallen soll.

Also, was sind die brennenden Themen der Gegenwart? Friede! Toleranz! Umweltschutz! Zu letzterem passt ausgezeichnet die „Pastorale“, da geht es doch auch um Natur. Also wird Beethovens pantheistischer, von aufklärerischen Idealen getragener Naturbegriff für eine Umweltkampagne fruchtbar gemacht. Am 5. Juni, dem „Weltumwelttag“ der UNO, soll im Jahr 2020 nach dem Wunsch des Bonner Stadtmarketingbüros in der ganzen Welt die Sechste erklingen.

Beethoven, der Weltenretter: Das passt gut in das von hoher Moral geleitete deutsche Kultur- und Politikverständnis der Gegenwart. Der Allerweltskomponist Tan Dun als „Kulturbotschafter“ verleiht der Aktion in einem Werbefilm mit beschwörendem Ausruf Nachdruck: „Wir brauchen sauberes Wasser!“ Beethoven wird auch das überstehen.

Ein weiterer Bericht über die Avant Première 2018 (Autor: Max Nyffeler) ist auch in der FAZ vom 27.2.2018 erschienen.

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