Klosters und Davos, zwei alpine Klassikfestivals

Klosters und Davos sind gerade einmal durch dreizehn Autokilometer und vierhundert Höhenmeter getrennt, doch in beiden gibt es ein sommerliches Klassikfestival: oben seit bereits dreiunddreißig Jahren das Davos Festival, unten seit einem Jahr nun auch das Klosters Music Festival. Für die beiden Winterferienorte sind diese musikalischen Aktivitäten ein ideales Mittel, das Sommerloch touristisch zu beleben. Am zweiten Augustwochenende ist in Klosters Schluss, und gleichzeitig beginnt Davos. Kann das bei dieser Nähe gut gehen?

Offensichtlich ja. Zwar scheint es auf organisatorischer Ebene zwischen den beiden Nachbarorten noch etwas zu knirschen, aber das gerne als konservativ apostrophierte Klassikpublikum erweist sich als reisefreudig und schätzt es, Musik einmal nicht im heimischen Konzertsaal eingeklemmt in Reihe fünfzehn hören zu müssen, sondern in alten Dorfkirchen, Sporthallen und Zelten oder sogar bei der Wanderung auf der Alpwiese. So macht man sich kein Publikum abspenstig, im Gegenteil, es könnten sich bei guter Zusammenarbeit Synergieeffekte ergeben. Die beiden Festivals sind vom Typ her ganz unterschiedlich: Davos bietet Kammermusik und experimentiert mit den Darbietungsformen, Klosters legt den Schwerpunkt auf Orchestermusik in traditioneller Hörsituation.

Klosters: Bekannte Namen und hochkarätige Interpretationen

In Anbetracht der ungestillten Nachfrage nach solchen kulturellen Angeboten haben es die Verantwortlichen in Klosters gewagt, den etablierten Festivals in Verbier, Gstaad und auch im benachbarten Davos ein Konkurrenzunternehmen zur Seite zu stellen, das sich von seinem Anspruch her gewaschen hat. Getragen wird es von einer lokalen Initiativgruppe, rund sechzig freiwillige Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Das Programm präsentierte nun in seinem zweiten Jahr in neun Konzerten Solisten, Kammermusikensembles und Orchester mit internationalen Namen. Gespielt wurden Werke vom Barock bis zur leicht verdaulichen klassischen Moderne. Die Säle, eine Mehrzweckhalle mit fünfhundert und eine pittoreske Kirche mit dreihundert Plätzen sowie der sehr geräumige Showroom eines lokalen Künstlerateliers, waren im Durchschnitt zu über achtzig Prozent ausgelastet.

Die Dorfkirche von Klosters, einer der Konzertorte.
Im Künstleratelier von Christian Bolt werden die Flügel für den Auftritt des Klavierduos Vilija Poskute & Tomas Daukantas eingerichtet.

Viele der zahlungskräftigen Besucher kommen für ein verlängertes Wochenende nach Klosters, das Einzugsgebiet reicht über die Schweiz hinaus bis nach Wien. Das Stammpublikum sind jedoch die Feriengäste und Zweitwohnungsbesitzer aus Klosters und Umgebung, darunter auffallend viele aus England. Englisch ist praktisch die Zweitsprache nicht nur im Dorf, sondern auch beim Festival. Prinz Charles, der hier seit Jahrzehnten seine Winterferien verbringt, hat für das Programmheft das Vorwort geschrieben, und wo der Segen der Royals waltet, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Die Einheimischen haben den Vorteil dieser Konstellation genau erkannt und mit David Whelton, dem langjährigen, nun pensionierten Intendanten des London Philharmonia Orchestra, einen hochkarätigen künstlerischen Leiter engagiert. Wie seinerzeit Martin Engström beim Aufbau des Verbier Festivals seine Verbindungen zur Plattenindustrie nutzbar machen konnte, so greift jetzt auch Whelton auf die Künstlerkontakte aus seiner Orchesterzeit zurück. Ihm zu Seite steht die Organisationschefin Raluca Matei. Zwar gibt es hier keine Experimente wie in Davos, musiziert wird dafür auf generell hohem Niveau und man begegnet vielen bekannten Namen.

Schlachtenlärm, eine Trillerlerche und ein Schumann, der begeistert

Markante Akzente im Programm setzten der Pianist Nikolai Luganski, das Trio Tetzlaff-Tetzlaff-Vogt und das litauische Klavierduo Vilija Poskute & Tomas Daukantas. Das schweizerische Alte-Musik-Ensemble „Les Passions de l’âme“ mit seiner Leiterin Meret Lüthi gab mit Werken von Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Joseph Fux sowie Vater und Sohn Schmelzer einen spannenden Einblick in die Blütezeit des österreichischen Barock und erinnerte mit programmmusikalischen Werken an die türkische Belagerung Wiens und die mit Hilfe der polnischer Reiterarmee erfolgte Befreiung im Jahr 1683: Klangmalerei mit Schlachtenlärm, Pferdegetrappel und Siegeschorälen. Die vom Kammerorchester Basel begleitete Koloratursängerin Julia Lezhneva brillierte mit Arien aus der Zeit der Opera seria von Porpora und Vivaldi bis Händel, darunter die Arie „Brilla nell’alma“ aus „Allessandro“; sie ist noch immer die intonationssichere Trillerlerche, auch wenn ihre federleichte Sopranstimme inzwischen mehr zum Mezzo hin tendiert.

Den abschließenden Höhepunkt bildeten zwei Robert Schumann gewidmeten Abende mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Mit einer leidenschaftlichen Interpretation von drei Sinfonien, mit dem von Steven Isserlis hingebungsvoll gespielten Cellokonzert und dem selten programmierten Konzertstück für vier Hörner und Orchester mit dem Solistenquartett German Hornsound versetzten die Bremer das Publikum in helle Begeisterung, zeigten dabei aber auch die Grenzen der Saalakustik auf. Nach oben und nach unten – bei leisen Stellen spielt die Lüftung unüberhörbar mit. Zusätzliche Investitionen in die Intrastruktur sind für das weitere Gedeihen des Festivals unumgänglich.

Davos: Musiker und Publikum als eine große Familie

Im benachbarten Davos hat man diese Anfängersorgen nicht. Das 1986 von Michael Haefliger, dem heutigen Leiter des Lucerne Festivals, unter dem Motto „Young Artists in Concert“ gegründete Unternehmen ist finanziell und publikumsmäßig bestens verankert. Junge Künstler und Musikfreunde bilden eine große Familie, Wandern und Musik bilden eine entspannte Mischung.

Das Kammermusikfestival kann viele kleine Auftrittsorte nutzen, von der Dorfkirche bis zum hoch über Davos gelegenen Hotel Schatzalp, dem auch heute noch etwas von Thomas Manns „Zauberberg“-Aura anhaftet. Auf den Liegen in der Loggia, wo früher die Patienten Höhenluft atmeten, kann man sich beim Freiluftkonzert zum Musikhören niederlassen und dabei den Blick über Landschaft schweifen lassen.

Abendstimmung auf der Schatzalp: Blick über den hoteleigenen Blumen- und Kräutergarten.

Der Klarinettist und künstlerische Leiter Reto Bieri ist ein begnadeter Programmmacher, der seine ausgefallenen, auf den ersten Blick skurril anmutenden Ideen in musikalisches Gold umzumünzen weiß. Das diesjährige Motto des noch eine Woche dauernden Festivals heißt „Heute Ruhetag“. Man lernt, dass Entspannung nicht Spannungslosigkeit bedeutet, dass im Moment der Ruhe die Aufnahmebereitschaft gesteigert ist. Für ruhelose Städter die beste Medizin.

Wenn auf dem gemeinsamen Spaziergang durch den Wald hinauf zur Schatzalp zwischendurch Halt gemacht wird, um einer Flötistin zu lauschen, die wie eine Waldfee zwischen Tannen auftaucht und dabei „Syrinx“ von Claude Debussy spielt, wenn unten im Dorf in der hübschen kleinen Kirche einstimmige Gesänge der Hildegard von Bingen übergangslos mit Solostücken von Olivier Messiaen und Giacinto Scelsi verknüpft werden, so beginnt man Musik plötzlich auf andere Weise zu hören: nicht als ein Verkaufsprodukt, sondern als klingendes Ereignis in einer von Zwängen befreiten Zeit.

Am ausgiebigsten ließ sich diese Erfahrung im Davoser Kirchner-Museum machen, wo das Quartett Berlin–Tokyo das fünfeinhalbstündige zweite Streichquartett von Morton Feldman spielte. Man machte es sich auf Stühlen und Liegematten bequem und hörte dem konzentrierten Spiel der Musiker zu. Solche exzessiven Dauern scheinen heute niemanden mehr abzuschrecken; Feldmans fünfstündiges Trio „For Philip Guston“ wurde kürzlich beim englischen Aldeburgh Festival auf ähnliche Weise zelebriert.

Das Quartett Berlin–Tokyo spielt Feldman im Kirchner-Museum. Das Publikum ist gerade etwas am Wandern.

Eine Hotel-Soirée unter dem Titel „Guten Abend, gute Nacht“ war um das gleichnamige Lied von Brahms herum gebaut. Sie begann im Freien mit der von den jungen Musikern sorgfältig einstudierten Serenade c-Moll KV 388 von Mozart, wobei man in den Variationen des Finales  die instrumentale Akrobatik der die Fagottstimme doppelnden Kontrabassistin Sophie Lückebewundern konnte.

Die Fortsetzung folgte dann in der Hotellobby mit einer perfekt inszenierten musikalischen Detektivarbeit über die Entstehungsgeschichte des Brahms’schen Schaflieds. Brahms paraphrasierte damit nämlich, nur für Eingeweihte erkennbar, ein österreichisches Volkslied, mit dem ihm eine Angebetete einen klingenden Korb erteilt hatte, und widmete es der alsbald anderweitig Verheirateten zur Geburt ihres ersten Kindes. Beim dreistimmigen österreichischen Lied traten die drei Sängerinnen wie es sich gehört im Dirndl auf.

Das Konzert stand, wie das Programmheft mit leisem Humor anmerkte, unter dem Motto „Musik zum Einschlafen“. Was dann bei der einlullenden Klangflächen-Musik von Dobrinka Tabakova beinahe Realität wurde. Die bulgarische Komponistin, diesjährige Composer in Residence des Festivals, wusste das Ruhe-Motto mit Leichtigkeit zu bedienen.

Die Davoser Konzertprogramme sind kleine, durchkomponierte Gesamtkunstwerke, in denen das individuelle Werk manchmal auch zu verschwinden droht. Wenn die Partita in d-Moll von Bach wie eine freie Fantasie gespielt wird, passt sich das zwar gut in einen meditativen Gesamtzusammenhang ein, doch wird Originalität problematisch, wenn sie zur hypersensiblen Selbstdarstellung wird. Aber das Davoser Festival lebt zu einem guten Stück vom gemeinsamen Erleben, und da ist Beckmesserei nicht unbedingt angebracht.

Wie schon im letzten Jahr gibt es auch wieder eine „Festival-Akademie“ für insgesamt zwanzig Nachwuchsmusiker und -musikerinnen unter der Leitung von Eberhard Feltz, und es gibt auch eine Gastinterpretin – diesmal nicht wie üblich „Artist in Residence“ genannt, sondern dem Thema entsprechend „Artist in Ruhe“: die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Und weil sie „in Ruhe“ ist, tritt sie auch gar nicht öffentlich auf – die ultimative Pointe einer pfiffigen Programmierung. Gelegentlich, so hieß es, sei sie aber als Moderatorin auf dem festivaleigenen Internetsender zu hören. Und der heißt natürlich Radio Ruhe.

In einem öffentlichen Gespräch mit dem Festivalleiter Reto Bieri bekannte Kopatchinskaja, dass sie noch nicht recht wisse, was sie mit ihrer Ruhe-Rolle anfangen soll:

Doch Reto Bieri, der gewiefte Psychologe, sah das anders. Im Interview tags darauf meinte er:

(Im zweiten Absatz ergänzt am 14.8.)

Klosters Music Festival (27. Juli bis 4. August)
Davos Festival (4. bis 18. August)

Kürzere Printfassung: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.8.2018

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