Der letzte Mensch und die neue Musik

Da bezeichnet einer den bürgerlichen Kunstbegriff „als Nachricht und Beispiel kreativer Souveränität“. Er sieht darin einen „Lichtblick des Menschenbildes“ und eine „tiefgreifende Glückserfahrung“. Verbunden sei das mit einer Begeisterungsfähigkeit und Verantwortung für das, was gemeinhin „Geist“ genannt werde – eine „Sinneserfahrung, worin sich Denken und Fühlen in höchster Aktivität begegnen und uns an unser Potenzial als humane Geschöpfe erinnern“. Autonome Kunst ist für ihn eine „Antwort über den Kopf des Schaffenden hinweg auf die Wirklichkeit“.

Das klingt hoffnungslos nach Abendland, nach dem verhassten „alten weißen Mann“ und seiner alten Welt. Der sich als progressiv und aufgeklärt verstehende Zeitgenosse – „der letzte Mensch“, nach Nietzsche – blinzelt bei dieser Vorstellung selbstgewiss: Ja, das alles haben wir glücklicherweise überwunden, wir wissen wie die Welt tickt. Und er oder sie sagt sich: Wer heute noch von Geist spricht, der sich womöglich in Gestalt autonomer Kunst über die Köpfe hinweg artikuliert, hat noch nie etwas von Synapsen gehört.

Ach so, der Autor der obigen Zeilen. Ein alter weißer Mann, sein Name ist Helmut Lachenmann. Die Zitate stammen aus seinem Leitartikel in der Zeitschrift MusikTexte vom letzten November. Bei seinem emphatischen Bekenntnis zum traditionellen Kunstwerk stutzt vielleicht mancher Leser. Ist er doch jahrelang als Traditionsschreck gehandelt worden, in Verkennung seines dialektischen Musikbegriffs. Hinter der Oberfläche des wohlgeordneten Geräuschs verbirgt sich in zeitloser Schönheit der Logos. Man kann ihn auch „Geist“ nennen.

Der Essay von Helmut Lachenmann verklärt nicht der Vergangenheit, sondern ist ein kämpferisches Plädoyer – und in seiner Stringenz zugleich ein Beweis – für die Lebendigkeit der großen europäischen Musiktradition. Eine Polemik gegen die geistig Ausgemergelten, Defaitisten und Zyniker aller Sorten, die heute, ihren eigenen beschränkten Blickwinkel verabsolutierend, unsere kulturellen Traditionen selbstherrlich zum jämmerlichen Restbestand erklären, den es zu plündern gilt. Gedeckt ist Lachenmanns Argumentation durch sein Werk. Nur Wenige haben sich als Künstler so hartnäckig quergestellt zum falschen Lauf der Welt, wie er es seit einem halben Jahrhundert praktiziert. Wer seine Gedanken zum alten Eisen erklären wollte, überhöbe sich.

Vielleicht ist es auch deswegen so verdächtig still geblieben nach der Veröffentlichung seines Textes. Eigentlich müssten diejenigen, die er darin kritisiert, einen #Aufschrei tun: Konzeptionalisten, Internetisten, dilettierende Antikapitalisten und Softwarekomponisten, nicht zu vergessen die *innen. In ihrer Ratlosigkeit angesichts des unaufhaltsamen technischen Fortschritts erhoffen sich manche die Rettung durch Begriffsblasen wie „gehaltsästhetische Wende“ (auch diese Sackgasse kommentiert Lachenmann). Andere zelebrieren mit prometheischer Geste ihren Computersound und merken dabei nicht, dass sie sich bloß in den Denkkategorien des Silicon Valley bewegen. Sie produzieren digitale Plastikklänge, mal ironisch gebrochen, mal als Phon-Attacke, angesiedelt zwischen Fun, Gewalt und toter Materialbeschwörung.

Anstrengendere Gedanken, wie man als humanes Wesen in der heutigen Welt überleben kann, gibt es in diesem medial fixierten Bewusstsein nicht. An ihre Stelle treten Statements in der Art von Agenturmeldungen oder politische Slogans. Der Grundsatz heißt: Vermeide alle existenziellen Fragen. Vorbild ist die durch Netiquette abgefederte Kommunikation in den Social Media, wo das Geschäftsmodell der Herren Cook, Zuckerberg & Co. herrscht. Und deren Ziel ist nicht die Begegnung lebendiger Individuen, sondern der digitale Zugang zur Psyche des in seinem Ich-Käfig gefangenen Massenmenschen. Die Massenmusik der globalen Pop-Heroen spielt dabei die Rolle des Türöffners.

Den technischen Fortschritt kann man nicht aufhalten. Aber, wie ein anderer alter weißer Mann, der Philosoph Hans-Georg Gadamer, im Gespräch mit Rüdiger Safranski einmal sagte: Wir sollten ihn kontrollieren und nicht Selbstvernichtung betreiben. Den Weg gehen wir aber, wenn wir die geistigen Ressourcen, bewusst oder aus Dummheit, verkommen lassen.

Hans-Georg Gadamer (1900-2002)

Und die Musik? Ihre Ressourcen sind akkumuliert in der von Lachenmann beschworenen Tradition. Doch Tradition, auch das geht aus seinen Worten hervor, ist kein Gut, das man besitzt. Um sie lebendig zu erhalten, ist eine geistige Anstrengung nötig. Wer diese Arbeit nicht leisten will und sich stattdessen an Zeitgeist und Google hält, hat den Glauben an unser von Lachenmann beschworene „Potenzial als humane Geschöpfe“ aufgegeben und schließt sich dem Heer der Apple-kompatiblen Massenmenschen an. Er oder sie verhält sich so, wie es der alte weiße Mann Nietzsche beschrieben hat: „’Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?‘ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

Max Nyffeler

Die Printversion dieser Kolumne ist in der Neuen Musikzeitung Nr. 3/2017 erschienen.

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