Das Aldeburgh Festival plant seine Zukunft

Siebzig Jahre ist das Aldeburgh Festival nun alt und lebendiger denn je. Gegründet 1948 von Benjamin Britten und Friends, die im beschaulichen Fischerstädtchen an der englischen Ostküste einen idealen Ort für Aufführungen ihrer English Opera Group suchten, entwickelte es sich schnell zu einem Treffpunkt für anspruchsvolle Musikliebhaber. In den Sechzigerjahren wurde der Großteil der Veranstaltungen des Aldeburgh Festival aus Platzgründen in das benachbarte Dorf Snape ausgelagert. Hier, am Rande der Einsamkeit, steht die riesige Anlage der Snape Maltings, eine ehemaligen Mälzerei aus dem 19. Jahrhundert. Viele Gebäude sind bereits sanft renoviert und einer kulturellen Nutzung zugeführt worden. Heute finden hier die meisten Veranstaltungen des Aldeburgh Festival statt.

Der Geschäftsführer der Snape Maltings und aller Musikaktivitäten  ist Roger Wright, ein ehemaliger BBC-Mann. Er will den Ort zu einem internationalen Kreativzentrum machen und plant einen Campus mit Künstlerateliers, Musikstudios, Nachwuchsförderung und ganzjährigen Aktivitäten; neben dem Aldeburgh Festival sind hier auch bereits sommerliche „Proms“ für Kenner und Liebhaber und andere Konzertreihen untergebracht. Die ländliche Abgeschiedenheit im Hinterland der Küste erweist sich dabei als Glücksfall, Stress ist hier ein Fremdwort.

Aldeburgh Festival: Snape Maltings
Snape Maltings
Publikumstreffpunkt Aldeburgh Festival

Von den beiden Festivalschauplätzen Aldeburgh und Snape geht eine beträchtliche Anziehungskraft aus. Hier die Aura des verschlafenen Fischerstädtchens, dort die professionelle Infrastruktur der Maltings. Die Konzerte sind fast immer ausverkauft. Es gibt ein Stammpublikum aus der näheren und weiteren Umgebung, doch viele Besucher kommen aus London oder sogar vom Kontinent, um hier ein Musikwochenende oder gleich ganze Festivalferien zu verbringen.

Es herrscht eine Vorurteilslosigkeit, von der man in Deutschland, wo der Graben zwischen Klassik und zeitgenössischer Musik auch im 21. Jahrhundert noch immer tief ist, nur träumen kann. Jede Musikrichtung findet ihre aufmerksamen Hörer. Das Konzert des Vokalensembles „The Sixteen“ mit einer aparten Mischung von englischer Renaissancemusik mit Werken von Benjamin Britten und Aaron Copland füllt den großen Konzertsaal ebenso wie das BBC Symphony Orchestra mit zeitgenössischen Komponisten aus den USA, darunter wieder Copland – ein Schwerpunktthema in diesem Jahr hieß „Amerika“.

Mit größter Gelassenheit wird auch das Ungewohnte akzeptiert. Beim nachmittäglichen Soloauftritt des Geigers Michael Barenboim komme ich mit meiner Sitznachbarin ins Gespräch. Die ältere Dame findet die forsch gespielte Sonate von Bach zwar auch etwas befremdlich, und auf die beiden zeitgenössischen Stücke im Programm reagiert sie mit gesunder Skepsis – zu Recht, darf man anmerken. Am Schluss des überlangen Konzerts spendet sie dem draufgängerischen Geiger dann aber doch großmütig Applaus.

Der 48-jährige Amerikaner Michael Hersch ist zweifellos ein ernsthafter Komponist. Aber die elf Stücke über Brieftexte von Bruno Schulz, die Barenboim jetzt als europäische Premiere spielte, zerfielen musikalisch in Fragmente, die merkwürdig beziehungslos nebeneiander standen. Bei aller Introversion fehlte diesen Fragmenten ein Zentrum, ein ruhender Pol, und so wirkte das Ganze schlicht zu lang. Ob das an der Komposition oder der Interpretation lag, war schlecht auszumachen. Das zweite zeitgenössische Stück, das uraufgeführte Violinsolo „Up and Down“ von Johannes Boris Borowski, war fleißig und sauber gemacht, hinterließ aber keinen nachhaltigen Eindruck.

Auratisches Blythburgh

Zu den dezentralen Veranstaltungsorten beim Aldeburgh Festival gehört die spätgotische Kathedrale von Blythburgh. Sie stammt aus einer Zeit, als hier die Schafzucht eine Wirtschaftsblüte erlebte und die Wollbarone durch den Export nach Europa zu Reichtum kamen. Dann endete der Boom, und heute steht das imposante Bauwerk unvollendet mitten in der grünen Wiese am Dorfrand.

Blythburgh: Konzertpause im Abendlicht

Die Kathedrale besitzt eine unverwechselbare Aura. Sie ist nicht nur ein einzigartiges Baudenkmal, sondern hat auch eine ausgezeichnete Akustik, wie es sich nun auch beim Konzert des Barockensembles Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet zeigte.

Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704):  praktisch unbekannte Motetten und das unvermeidliche Te Deum – eine selbstbewusste, festliche Musik, klingendes Insigne von Herrschaft. Die Aufführung einer Hochzeitskantate, die der Franzose Charpentier in italienischer Sprache für den Herzog von Bayern einst komponiert hatte, bescherte sodann ein echtes Aha-Erlebnis. Man sitzt in dieser aus der Zeit gefallenen Kathedrale aus der englischen Gotik und versteht schlagartig, was europäische Kultur einst bedeutete: ein geistiges Band über alle Ländergrenzen hinweg. Doch der Absolutismus ist passé, und Herrschaft und Internationalismus haben heute andere Gesichter. Auch kulturell.

Niquet ist übrigens ein glänzender Kommunikator, wie man spätestens seit seiner komödiantischen Einlage in der von ihm dirigierten Aufführung von Purcells Semi-Opera „King Arthur“ weiß. In der Kathedrale von Blythburgh kommentierte er die textreichen Motetten über die Schulter mit dem Satz: „Too many words, a French mistake“ und erntete Gelächter.

Aldeburgh Festival: Konzert in Blythburgh
Le Concert Spirituel und Hervé Niquet in Blythburgh
Morton Feldman bei Tagesanbruch

Die Programmgestaltung des Aldeburgh Festival wagt auch das Extrem. Morgens um halb fünf trifft sich ein gutes Hundert von Frühaufstehern, um dem Marathon von Morton Feldmans Trio „For Philip Guston“ beizuwohnen. Das leise, eine stoische Ruhe ausstrahlende Werk gehört mit seinen fünf Stunden Dauer zu den längsten der Musikgeschichte. Man richtet sich auf Sesseln und Liegekissen bequem ein und begibt sich bei Sonnenaufgang auch mal ins Freie, um den Vögeln zuzuhören. Die meisten halten bis zum Schluss durch. Punkt halb zehn geht man wieder in den Alltag hinaus, hellwach und um eine beglückende Zeiterfahrung reicher.

Die gastierenden Künstler haben einen starken Einfluss auf die Programmgestaltung. Feldman wurde von der kalifornischen Flötistin Claire Chase ins Programm gehievt, die nebst Patricia Kopatchinskaja nun einige Konzerte kuratierte.

Künstlerischer Leiter des Festivals ist seit 2009 Pierre-Laurent Aimard. Er tritt stets auch selbst auf, diesmal mit zwei Monumenten der Klaviermusik. Beethovens Hammerklaviersonate wuchtete er als Monolith in den Saal, technisch brillant und auf beinahe furchterregende Weise unnahbar, die Concord Sonata von Ives erklang mustergültig klar.

Tamara Stefanovich wiederum machte in einem umjubelten Nachmittagskonzert deutlich, welche Schätze der Klavierliteratur abseits des Mainstreamrepertoires schlummern. Mit Bachs wenig bekannter „Aria variata alla maniera italiana“ und Werken von Bartók, Copland, Messiaen und Ives schlug sie den Bogen von einer quasi-improvisatorischen, figurativen Klavierkunst zum expressiv aufgeladenen Konstruktivismus der Moderne; die anarchischen „Piano Variations“ von Aaron Copland waren die Entdeckung des Tages. Mit solchen Repertoireperlen und einem Klavierspiel, in dem sich filigrane Fingertechnik und mächtige Klangentfaltung mit Präzision und Leidenschaft verbinden, erweist sich die Pianistin als leuchtender Stern am heutigen Klavierhimmel.

Der junge Sir Harrison

Einen festen Platz im Programm von Aldeburgh findet die Musik von Harrison Birtwistle. Seit er vor genau fünfzig Jahren mit seiner frechen Kurzoper „Punch and Judy“ Festivalchef Britten schockiert hatte, sind hier vier weitere Bühnenwerke von ihm aufgeführt worden. In einem raffiniert gebauten Konzertprogramm mit dem Aldeburgh Festival Ensemble unter Oliver Knussen gab es nun zweimal neue Werke von ihm zu hören. Ausgerichtet war das Konzert auf den 100. Todestag von Claude Debussy.

Nach Debussys „Chansons de Bilitis“ in der klanglich reizvollen Ensemblefassung mit zwei Harfen, zwei Flöten und Celesta folgten die 2017 entstandenen „Three Songs from The Holy Forest“ von Birtwistle, das letzte Stück als Uraufführung. Mit den Texten des Kanadiers Robin Blaser, der auch das Libretto von Birtwistles Oper „the Last Supper“ geschrieben hatte, kreisen sie um ein merkwürdiges Thema: Motten. Es sollen Lieblingstiere sowohl von Komponist und Dichter sein. Bereits in „The Moth Requiem“, geschrieben 2012 auf Blasers Tod, hatte sich Birtwistle diesen Insekten gewidmet. Die neuen Lieder nun passten sich der artifiziellen Klangwelt Debussys erstaunlich gut an: Helle, ausgedünnte Klänge von gläserner Durchsichtigkeit, in die die zarten Gesanglinien hineingewoben sind. Von der Sopranistin Claire Booth wurden die Melodiefäden wunderbar sanft und leicht nachgezeichnet.

In der zweiten Konzerthälfte folgte auf fünf Stücke aus dem „Tombeau de Debussy“ – eine Sammlung von kurzen Huldigungen von Malipiero, Bartók, Goossens, Stryawinsky und Dukas – ein neues Werk des 84-jährigen Birtwistle: „Keyboard Engine“, eine „Konstruktion für zwei Klaviere“,  bravourös dargebracht von Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard. Es besteht aus einer Folge von Abschnitten mit vertrackten rhythmischen Überlagerungen, ein stacheliges, wild motorisches Stück, wie man es von manchen früheren Werken des Komponisten schon kennt. Doch Birtwistle sagt: „Ich schaue nie zurück.“ Er ist im Geiste jung geblieben und plant wohl schon sein nächstes Feuerwerk.

Aldeburgh
Blythburgh

Eine kürzere Printfassung dieses Beitrags ist in der FAZ vom 5.7.2018 erschienen.

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